Bis zum vergangenen Sonntag war der 22-jährige Attentäter aus Kopenhagen ein unbekannter Mann. Indem er jedoch zwei Anschläge auf ein Kulturcafé und eine Synagoge verübte, löste er sich aus der Anonymität. Er erschoss zwei Menschen, verletzte weitere und starb selbst durch die Kugeln der Polizei, da er sich offenbar nicht ergeben wollte.

Mittlerweile ist sein Gesicht in den Medien weltweit zu sehen und auch sein Name ist omnipräsent. Auch ZEIT ONLINE hat sein Gesicht gezeigt. Eine Google-Suche ergab eine halbe Million Treffer. Das ist ein großes Problem: Wer mit einer terroristisch inszenierten Gewalttat oder mit einem Amoklauf viele Menschen umbringt, bekommt in diesen Tagen die Aufmerksamkeit der ganzen Welt. Ein solcher Anschlag kann zu einem Drehbuch werden, dem andere folgen. So vermutet die dänische Polizei, dass sich der vorbestrafte Täter von Kopenhagen von der terroristischen Attentatsserie Anfang des Jahres in Paris hat inspirieren lassen.   

Nach den Anschlägen waren Regierungschefs aus aller Welt zu einem Trauermarsch nach Paris gekommen. François Hollande, Angela Merkel, Benjamin Netanjahu und Mahmud Abbas präsentierten sich aneinandergereiht als Zeichen der Solidarität. Insgesamt zogen 1,5 Millionen Menschen an diesem Tag durch die Straßen der französischen Hauptstadt. Die Bilder davon wurden in viele Länder der Welt übertragen.  

Es war ein bemerkenswerter Effekt, den die drei Attentäter im Januar erzielt hatten, nachdem sie in loser Kooperation gezielt politische Satiriker, Polizisten und jüdische Bürger ermordet hatten. Nach allem, was bekannt ist, waren die Anschläge von Paris nicht sehr lange geplant. Keine Terrororganisation stand offiziell dahinter. Stattdessen gelang es den jungen Männern, die schon länger durch ihre Radikalisierung und kriminelle Aktivitäten aufgefallen waren, alleine durch skrupellose Gewalt die Welt zu bewegen. 

Schwarze Kleidung, Märtyrer-Video

Auch ihre Selbstinszenierung in schwarzer Kleidung und als Märtyrer in einem Abschiedsvideo wurde immer und immer wieder gezeigt. Die jungen Männer waren plötzlich gefürchtet und wurden von mancher Seite sogar verehrt. Ihr grandioser Untergang im Kugelhagel der Polizei vervollständigte schließlich ihren Mythos.   

Wer wollte, konnte aus den Anschlägen in Paris lernen: Ein Anschlag kann dich bekannt, sogar unsterblich machen. Er gibt dir Identität und Bedeutsamkeit. Das Leben der Täter war vor den Morden offenbar begleitet von Scheitern, Wut und dem Gefühl abgehängt zu sein. Durch einen öffentlichkeitswirksamen Gewaltexzess wird es möglich, die Situation zu wenden. Dieses kulturelle Skript zog offenbar auch den dänischen Täter an, denn er eiferte den Mördern von Paris bis ins Detail nach: Dem offenbar intendierten Anschlag auf einen Karikaturisten folgte der bewaffnete Angriff auf die Synagoge in Kopenhagen, bei der ein jüdischer Bürger starb.