Ein orthodoxer Christ steht vor einem Gebäude im ukrainischen Donezk, das als Zentrale der prorussischen Separatisten dient. © Brendan Hoffman/Getty Images

Hermann Hartfeld will den Namen des Mannes nicht sagen. Er war sein Student, als Hartfeld Anfang der Neunzigerjahre in Moskau am Seminar der Baptisten Theologie lehrte. Im Dezember traf Hartfeld, der russlanddeutsche Pastor, ihn im Donbass wieder, wo jetzt das Minsker Abkommen auf Messers Schneide steht. Da kämpfte sein früherer Student bei den prorussischen Separatisten. Eine Woche lang waren sie zusammen. Hartfelds Student sagte, dass er nicht bloß gegen die ukrainische Armee zu Felde zieht und für sein Vaterland, sondern für Gott und gegen das schwule, dekadente Europa. Er nannte es "Gayropa".

Im Januar erhielt Hermann Hartfeld dann die Nachricht, dass sein früherer Student tot ist. Gefallen. Im Morgengrauen geriet er mit seinem Spähtrupp unter Granatbeschuss. Eine Granate traf ihn. 20 Kilometer vor Mariupol am Asowschen Meer wurde verscharrt, was von ihm übrig war. Der Vater dreier Kinder wurde 32 Jahre alt. Gefallen im Kampf zwischen Ansprüchen auf Macht und auf Wahrheit, in einer religiös überhöhten Schlacht um das Gute und das Richtige und das eindeutige Wort Gottes. Der baptistische Kämpfer fiel an einer Front, die den Kontinent zu spalten beginnt – politisch, religiös und auch im Alltag. Eine Grenze, die Hass wachsen lässt zwischen Völkern, Kirchen und Christen.

Hermann Hartfeld ist 72. Ein rundes Gesicht mit einem freundlichen Ausdruck. Er ist Pastor im Ruhestand und hat viel gesehen. Geboren ist er im November 1942 in Omsk, als die deutsche Wehrmacht Stalingrad eingenommen hatte und die Rote Armee begann, die Deutschen einzukesseln. Hartfeld studierte Maschinenbau und wollte in Deutschland promovieren, der Heimat seiner Vorfahren. Und er wurde Christ und engagierte sich in einer baptistischen Gemeinde. Er organisierte Jugendtreffen in den Wäldern. Das brachte ihn nach dem Studium für sieben Jahre ins Straflager. Fünf Jahre davon arbeitete er im Uranbergbau. Er wurde bei der Herstellung von Plutonium und beim Bau von Atombomben eingesetzt. Dann konnte er ausreisen. Er studierte in Kalifornien Theologie, promovierte in der Schweiz und war dort und in Deutschland Pastor. Anfang der Neunzigerjahre half er beim Aufbau eines baptistischen Seminars in Moskau. Jetzt verbringt er seinen Ruhestand in Brühl bei Köln.

Aber er ist noch viel unterwegs. Regelmäßig fährt er nach Köln in die Universitätsbibliothek und studiert weiter. Er wird um Rat gefragt, von Kirchen und von Politikern. Er hat Putin getroffen und hält ihn für hochgefährlich – und viele deutsche Politiker für naiv. "Sie unterschätzen die Verschlagenheit und die Brutalität von Russen." Im Auftrag von Bundestagsabgeordneten besuchte er im Dezember Glaubensbrüder in der Ukraine, auf beiden Seiten der Front. Die bibeltreuen russischen Baptisten haben sich von den ukrainischen distanziert, weil die eine Revolution angezettelt haben. Und im alttestamentlichen Buch der Sprüche steht: Lass dich nicht mit Aufrührern ein.

Russische Baptisten sind obrigkeitshörig. Hartfeld hat einen ihrer Pastoren sagen hören, er glaube Putin jedes Wort und vertraue ihm mehr als seiner Familie. "Wir nennen sie Zombies", sagt Hartfeld über die Leiter der 70.000 russischen Baptisten. Weil sie sich nicht bewegen. Ihr Präsident Alexej Smirnow weigert sich, westliche Christen zu treffen. Hartfeld kennt einen der Vizepräsidenten und sagt: "Der ist aufgeschlossener." Aber auch der Vize wehrt sich nicht gegen den Hass, der sich in russische Baptisten hineingefressen hat, gegen den Westen und auch gegen westliche Christen. Hartfeld hat den Vizepräsidenten gefragt, warum Baptisten, die den Wehrdienst früher ablehnten, sich rekrutieren lassen. "Wir haben einen gemeinsamen Feind", sagte der, "den schwulen Westen."

Der schwule Westen. Der Vizepräsident weiß, wovon er spricht. Seine Kinder leben in San Francisco, der Welthauptstadt der Homosexuellen. "Die Kinder können ganz gut damit umgehen, er nicht", sagt Hartfeld. Im Straflager lernte er homosexuelle Gefangene kennen und war angewidert davon, wie man mit ihnen umging. Er hat sich mit der Bewertung der Homosexualität in der Bibel befasst und versucht, unter Baptistengemeinden für eine theologisch begründete Haltung zur Homosexualität einzutreten, die nicht von Abscheu und Angst diktiert ist.

In der Sowjetunion stand Homosexualität unter Strafe. Immer noch ist sie ein gesellschaftliches Tabu. Inzwischen sind die Gesetze gelockert. In einigen Regionen steht "homosexuelle Propaganda" unter Strafe. In der Politik tobt darum ein Kampf. Dem russischen Parlament, der Duma, liegt ein Antrag vor, Eltern ihre Kinder zu entziehen, wenn sie in "nicht traditionellen Beziehungen" leben. Die orthodoxe Kirche wirft dem Westen vor, Russland dieses Thema aufzudrängen. Patriarch Kyrill rechnete Homosexualität vor zwei Jahren zu den Übeln, die Familien zerbrechen lassen, neben Alkohol, Drogen und Prostitution.

Dissidenten kämpfen für eine Liberalisierung. Der Staat soll nicht ins Privatleben hineinregieren. Gerade hat ein Foto den World Press Photo Award bekommen. Der dänische Fotograf Mads Nissen hat ein schwules russisches Paar aus Sankt Petersburg in einem intimen Moment abgelichtet. Das Foto gehört zu einem Projekt mit dem Titel "Homophobie in Russland". Im Kampf um Homosexualität prallen freiheitlich-westliche mit traditionell-östlichen Vorstellungen aufeinander. Auch deutsche Katholiken und ein paar Protestanten aus dem rechten konservativen Milieu lieben Putin dafür, dass er traditionelle Vorstellungen zu schützen scheint.