Nennen wir ihn Wolf. Seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Die Sache ist ihm unangenehm. Wolf ist Ende 40 und Abteilungsleiter einer Versicherung. Diplomierter Betriebswirt, zweisprachig, einer, der beruflich sicher im Sattel sitzt und auch sonst den Eindruck erweckt, als habe er alles im Griff. Über sein Privatleben spricht er nicht gern. Vor einem Jahr verließ ihn seine Frau nach zehn Jahren Ehe. Aus, Schluss, vorbei. Wolf sprach mit niemandem darüber. Er igelte sich zu Hause ein, Fernseher an, Füße auf den Tisch – und tschüss. Irgendwann landete er beim nächtlichen Zappen bei einem Sender, der seinen Zuschauern suggerierte, es gäbe für jedes ihrer Probleme eine Lösung, sie müssten nur anrufen: bei Astro-TV.

Es war ein bisschen wie in der Telefon-Seelsorge, bloß, dass man die Menschen am anderen Ende der Leitung sehen konnte. Man musste ihnen auch gar nicht viel erzählen, die Moderatoren nannten sich Engelsflüsterer, Hellseher oder Medium. Ein Blick in die Karten, in die Sterne oder in die Glaskugel reichte ihnen, zack, schon lieferten sie die Lösung. Lebensberatung to go. Im Minutentakt.Wolf probierte es selber aus. Das erste Beratungsgespräch gab es noch zum Nulltarif, die folgenden kosteten, bis zu 3,95 Euro pro Minute. Er landete jetzt nicht mehr direkt in einer Call-in-Sendung, sondern bei Hotlines des Konzerns, der den TV-Sender betreibt, der Adviqo AG. Und Wolf rief wieder an, manchmal mehrere Male am Tag. Er sagt, es sei wie eine Sucht gewesen. Er habe gar nicht oft genug hören können, was ihm die Mitarbeiter immer wieder versicherten. Dass ihn seine Frau immer noch liebe und es sich lohne, um sie zu kämpfen. Dabei lebte die längst mit einem anderen Mann zusammen. Sie reagierte zunehmend gereizt auf seine Anrufe. Als ihm seine Bank auch noch den Dispo sperrte, musste sich Wolf eingestehen, dass etwas gründlich schieflief. Er sagt, die Telefonberatung habe ihn ein Vermögen gekostet.

Wolf ist kein Einzelfall. Sektenbeauftragte und Suchttherapeuten kennen viele solcher Geschichten. Sie erzählen von der Einsamkeit und davon, wie sogenannte Lebensberater Anrufern Hoffnung machen, das Glück zu zweit sei auch für sie zum Greifen nah – sie sollten nur weiterhin ihre Tipps befolgen. Die Öffentlichkeit bekommt von den Leiden der Opfer kaum etwas mit, denn den meisten Betroffenen geht es wie Wolf: Sie verschweigen ihr Problem – aus Scham. "Wer will sich denn schon von Dritten die Frage gefallen lassen: Wie konntest du so blöd sein, dein Geld dahergelaufenen Heilern in den Rachen zu werfen?", sagt der Münchner Suchttherapeut Christoph Teich, der schon viele Betroffene beraten hat. "Zu 70 Prozent Frauen, die meisten alleinstehend, aus allen Bildungsniveaus." Tatsächlich sind es ja Szenen wie aus einer schlechten Comedy, die man dort erlebt. Moderatoren, die mit halb geschlossenen Augen Kristallkugeln in ihren Händen drehen und mit theatralisch gereckten Armen Energie durch die Mattscheibe schicken: "Möge die Macht der Ewigkeit mit dir sein."

Doch jetzt hat Astro-TV Gegenwind bekommen. In den sozialen Netzwerken wird der Ruf nach einer Medienaufsicht lauter. Gerade läuft eine Online-Petition für den Entzug der Sendelizenz. Verfasst haben sie Aktionskünstler aus Berlin.

Sie nennen sich "Peng! Collective". Ein Name wie ein Knalleffekt. Er ist Programm. Peng! mischen die Politik mit provokanten Aktionen auf. Anfang Februar verliehen sie ihrer Forderung nach einem Aus für Astro-TV auf ihre unnachahmlich ironische Weise Nachdruck. Da schleuste sich einer ihrer Mitarbeiter unter dem Vorwand in die Live-Sendung Leichter Leben – Zeit für mich ein, er wolle ein bisschen über die Kunst plaudern, Menschen zum Lachen zu bringen. Es war der Schauspieler Amit Jacobi, 30, verkleidet als Clown "Pjotr Wasabi". Er schwenkte ein Gummihuhn durch die Luft. Er orakelte über die beiden Gehirnhälften und darüber, dass sie besser zusammenarbeiteten, wenn Menschen Dinge täten, die man eigentlich nicht tue.

Plötzlich zog er ein Ei aus der Tasche, ließ es sanft auf dem Kopf des Moderators zerplatzen und rief: "Wir finden, Astro-TV sollte die Sendelizenz entzogen werden, denn das hier ist Betrug! Melden Sie sich beim psychosozialen Dienst, der kostet nichts." Amit Jacobi sagt, er staune selber darüber, dass alles glattging. Sicherheitshalber hatte er einen Mitstreiter im Studio der Berliner Konzernzentrale platziert, der die Aktion mit versteckter Knopfkamera am Hemd filmte. Er sagt, er habe damit gerechnet, dass die Aufnahme sofort gestoppt und er vor die Tür gesetzt werde. Doch entweder waren die Mitarbeiter völlig überrumpelt, oder sie hatten insgeheim schon damit gerechnet, dass so etwas einmal geschehen würde. Die Kamera lief weiter. Der Moderator senkte den Kopf, damit man sein Gesicht nicht sehen konnte: Er grinste.

Bilder von der Guerilla-Aktion verbreiteten sich in rasendem Tempo bei Youtube. Nach 167.000 Klicks ließ Astro-TV den Film von der Videoplattform entfernen und untersagte den Aktivisten die weitere Verbreitung mit Hinweis auf die Urheberrechte. Die, so heißt es in einem Brief des Anwalts, lägen beim Sender. Doch die Guerilleros von Peng! ließen sich nicht einschüchtern. Sie stellten den Film auf ihre eigene Website www.pen.gg und drehten gleich noch einen zweiten.

Er zeigt, wie Amit Jacobi eine Wahrsagerin von Astro-TV in der Angelegenheit um Rat bittet und wie er dann die Unterlassungserklärung in Schnipsel reißt, als sie ihm nahelegt, er solle es nicht noch schlimmer machen, als es schon sei. "Auf Sie kommt wirklich zu, dass Sie Geld bezahlen müssen." Jacobi gibt sich gelassen. Angst vor einer Klage von Astro-TV wegen "Sachbeschädigung" und "Hausfriedensbruch" habe er nicht, sagt er. Der Sender hatte ihn ja eingeladen, offenbar nicht ahnend, wer da ins Studio kam. Bei Peng! werten sie die Aktion als vollen Erfolg: "Wir wollten ja eine Debatte darüber anzetteln: Wie soll unser Fernsehen aussehen? Was ist TV, und was ist Casino?"