Dürfen Lehrerinnen muslimischen Glaubens im Unterricht Kopftuch tragen? Der Plüderhausener Lehrerin Fereshta Ludin verweigerten die baden-württembergischen Behörden 1998 die Einstellung in den Schuldienst – mit der Begründung, die Absicht, ein Kopftuch zu tragen, stelle einen gravierenden Eignungsmangel dar. Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts gab der Stuttgarter Obrigkeit 2003 Recht: Durch Landesgesetze könnten Kopftuchverbote erlassen werden. In acht Bundesländern geschah dies prompt.

Jetzt hat der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts, angerufen von zwei muslimischen Pädagoginnen aus Nordrhein-Westfalen, das damalige Urteil gekippt: Das an eine bloß abstrakte Gefährdung anknüpfende Verbot sei den in ihrer Religionsfreiheit betroffenen Lehrerinnen "nicht zumutbar".

Nach zwölf Jahren haben sich damit endlich der gesunde Menschenverstand und die bürgerliche Liberalitas durchgesetzt – die Einsicht, die ich 1998 im Falle Ludin mit der Überschrift eines ZEIT-Leitartikels in sechs Worte fasste: "Der Kopf zählt, nicht das Tuch". Es ist eine Einsicht, die der damalige Ministerpräsident in Stuttgart, Erwin Teufel, zunächst geteilt hatte: Was jemand im Kopf habe, sei wichtiger, als was er auf dem Kopf trage, sagte er. Doch dann erlag er dem Drängen seiner Bürokraten auf ein Verbot.

In meinem Leitartikel fragte ich damals: "Rüttelt Fereshda Ludin an den Grundfesten der Nation, wenn sie darauf besteht, im Unterricht ein Kopftuch zu tragen? Ist das Tragen des Kopftuches provozierender als das Tragen einer Ordenstracht oder das Anbringen eines Kruzifixes an der Wand des Klassenzimmers? Kommt es überhaupt darauf an, ob die Lehrerin Ludin das Tuch trägt – nicht vielmehr darauf, dass sie bei türkischen Eltern darauf dringt, die Kinder zur Schule zu schicken, die Mädchen auch zum Turnunterricht und zum Schwimmen? Dass sie selber aus dem Koran keine Vorschriften herleitet, die ihr das rückhaltlose Engagement in unserem Staat verbieten?"

Der Zweite Senat in Karlsruhe hat auf diese Fragen 2003 die falsche Antwort gegeben; jetzt ist er vom Ersten Senat korrigiert worden. Mir ist es ein Anlass zu großer Genugtuung.

Holschuld und Bringschuld

Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, haben wir uns ja längst eingestanden. Unser Volk ist ein buntes Mosaik geworden, eine Komposition aus Steinchen verschiedener Farbe und Form. Sie müssen freilich zusammengehalten werden durch den Zement gemeinsamer Grundwerte, das Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung und zum Verfassungsstaat und durch praktizierte Toleranz.

Dem Begriff "multikulturell" habe ich noch nie viel abgewinnen können; ihm haftete mir immer schon zu viel Fragwürdiges an. Ich bleibe dabei: Jeder kann seiner eigenen Religion anhängen; alle können ihre eigenen Tänze tanzen und die eigene Cuisine kochen; jegliche Gruppe darf auch das kulturelle Erbe, die Folklore der erinnerten alten Heimat pflegen. Die überwölbende Gemeinschaft erträgt durchaus lebendige Untergemeinschaften – aber die Vielfalt hat sich in der Einheit zu bewähren.

Letzteres war mir 1998 wichtig und ist es mir noch heute: "Sollen die einen ruhig Schuhplattler tanzen, die anderen Sirtaki. Aber ein Deutschland, das aus lauter Ghettos besteht, ein paar für Türken, ein paar für Griechen, ein Dutzend für die Deutschen – das kann nicht das Ziel sein. Töricht ist auch der Einfall, den Türken etwa formellen Minderheitenschutz zu gewähren wie den Dänen, Sorben oder Friesen; er liefe auf eine künstliche Absonderung hinaus, wo Integration angestrebt werden sollte – und Integration bedeutet zwangsläufig ein gutes Stück Assimilation an die deutsche Leitkultur und deren Kernwerte. Vor allen Dingen kann es in Deutschland nur eine einzige Rechts- und Verfassungskultur geben. Die islamische Scharia neben dem Bürgerlichen Gesetzbuch – das geht nicht. Je bunter der ethnische Flickenteppich unserer Gesellschaft wird, desto fester muss er durch das gegengenähte Gewebe einer gemeinsamen Wertordnung zusammengehalten werden."

Die Verwendung des Begriffs "Leitkultur" hat vor siebzehn Jahren eine heftige Debatte vom Zaun gebrochen, und die Zielvorstellung "Assimilation" hat mir scharfe Kritik von Seiten der Multikultis eingetragen. Heute, nach vielen Jahren im Großen und Ganzen gelungener Integration, werden beide Begriffe weniger Aufregung auslösen. Mittlerweile ist die Auffassung Gemeingut, dass Integration keine Einbahnstraße ist.

Wir Deutschen haben eine Holschuld – an unserer Willkommenskultur müssen wir noch arbeiten. Die zu uns kommen jedoch und bei uns bleiben wollen, haben eine Bringschuld – sie müssen sich auf die offene Gesellschaft verpflichten und sich in sie einbinden und einbringen wollen.