ZEIT ONLINE: Familienministerin Manuela Schwesig will, dass Mitarbeiter künftig einfacher überprüfen können, ob sie im Verhältnis zu ihren Kollegen fair verdienen. Herr Grünewald, reden wir in Deutschland grundsätzlich nicht gerne darüber, wie viel wir verdienen?

Stephan Grünewald: Wir tun uns damit zumindest viel schwerer als zum Beispiel die Amerikaner. Dort spricht man viel offener über Geld und Einkommen.

ZEIT ONLINE: Wie kommt das?

Grünewald: Die Amerikaner haben ihren American Dream, der impliziert, dass man sich jederzeit vom Tellerwäscher zum Millionär und wieder zurückentwickeln kann. Jeder teilt diesen Traum – ob das jetzt gerechtfertigt ist oder nicht – und kann ohne Scheu sagen, auf welcher Stufe dieser Entwicklung er gerade steht. Ist er ganz unten, kann er immer noch stolz verkünden, dass er auf dem besten Weg nach oben ist – und der, der ganz oben steht, kann zumindest zu erkennen geben, dass sich das alles auch wieder wenden kann. Dieses Selbstverständnis erleichtert es allen Beteiligten, offen über Geld zu reden. Geld ist dort nicht Ausdruck der persönlichen Potenz, sondern lediglich der momentanen Entwicklungsstufe.

ZEIT ONLINE: Welches Selbstbild haben die Deutschen?

Grünewald: Wir haben keine klar gefasste Identität wie die Franzosen mit ihrer Genusskultur oder die Amerikaner mit ihrem amerikanischen Traum. Das führt dazu, dass wir immer auf der Suche nach uns selbst sind. Wir versuchen uns aus dieser ständigen Sinnsuche zu erlösen, indem wir alles normieren und standardisieren wollen. Das Ideal ist, dass alles relativ messbar gleich ist. Das gilt auch für die Gehaltsfrage.

ZEIT ONLINE: Ist bei uns der Neidfaktor größer als in anderen Ländern?

Grünewald: Es ist eine Mischung aus Neid, Schuld und Scham. Natürlich gibt es auch in Deutschland den Wunsch, mit seinem Reichtum ein bisschen zu protzen. Das geschieht aber sehr viel verdeckter. Es mischt sich immer ein wenig Scheu hinein, weil man – anders als die Amerikaner – nicht das Gefühl hat, dass das nur eine flüchtige Momentaufnahme ist. Hinzu kommt immer auch die Sorge, ob man es vielleicht gar nicht verdient hat. Um Zweifel am eigenen Wert gar nicht erst aufkommen zu lassen, halten wir das Wunschbild einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft hoch, mit 08/15 als Ideal. 08/16 geht noch – aber alles darüber ist schon verdächtig. Sinnbild für dieses Denken ist der VW Golf, das klassenlose Auto, zu dem sich alle bekennen können.

ZEIT ONLINE: Sind die Deutschen also auch zurückhaltender mit Statussymbolen wie Autos?

Grünewald: Ja. Die Schamgrenze liegt fast schon beim Mercedes, und den Supersportwagen pflegt man lieber im Verborgenen.

"Auch ein Selbstschutz"

ZEIT ONLINE: In den 1980er Jahren unter Helmut Kohl gab es die Losung "Leistung muss sich wieder lohnen", und dahinter verbarg sich doch auch die Haltung, mit seinem Besitz auch angeben zu dürfen, weil man dafür ja etwas geleistet hat.

Grünewald: Sicher, aber zugleich herrscht die Sorge, dass man bei einer Offenlegung womöglich merkt, dass andere, die nicht so viel leisten, mehr verdienen. Das würde als Entwertung erlebt werden und wäre mit ungeheuren Enttäuschungen verbunden. Nicht über das Gehalt zu sprechen, ist also auch ein Selbstschutz.

ZEIT ONLINE: Zugleich bekunden in Umfragen viele Deutsche das Gefühl, sie würden zu wenig verdienen und nicht angemessen bezahlt.

Grünewald: Das ist die Kehrseite derselben Medaille. Dass es im Geheimen passiert, schützt uns vor einer Entblößung wie in Des Kaisers neue Kleider, aber auch vor der Enttäuschung, dass wir schlechter bezahlt werden als die anderen. Und gleichzeitig können wir den Wunsch pflegen, was uns eigentlich gebühren würde.

ZEIT ONLINE: Gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, weil in der DDR die Gehaltsunterschiede nicht so groß waren?

Grünewald: Zum Gründungsmythos der DDR gehörte das Solidarprinzip, während der Westen als der Staat galt, der individualistisch auf die persönliche Erfolgs- und Glücksmaximierung aus ist. Das ist heute noch in den Köpfen drin. Darum wäre meine These, dass man in den alten Bundesländern mit der Gehaltsfrage offener umgeht als in Ostdeutschland.

Stephan Grünewald ist Psychologe und Gründer des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold. 2013 erschien sein Buch "Die erschöpfte Gesellschaft" über die Deutschen zwischen Leistungsdruck und innerer Leere.