In der Dämmerung kommt ein Mann auf den Dresdner Altmarkt, in der Hand eine selbst gebastelte Fahnenstange, daran zwei Quadratmeter schwarzrotgoldener Stoff. Ein Ordner in roter Weste geht auf ihn zu. "Entschuldigung, Kollege, aber das ist zu lang, die Fahnenstange darf nur 1,50 Meter sein, sagt die Polizei." Der Mann schaut auf seine große Fahne, er schaut auf den Ordner, und dann sagt er: "Na, aber es ist doch unsere Fahne!"

Es ist wieder Pegida-Montag in Dresden, und nicht nur die Fahnen sind hier, von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, wieder gewachsen. Es ist die 18. Demonstration dieser Art und sie zeigt: Mit Pegida ist es noch lange nicht vorbei. Ende Januar zerstritt sich der Vereinsvorstand. Erst sollte der Vorsitzende Lutz Bachmann austreten, dann kam er doch zurück und dafür traten andere aus, darunter die Sprecherin Kathrin Oertel. Sie gründeten einen Pegida-Ableger. Die "Spaziergänge" fielen eine Zeit aus und die öffentliche Aufmerksamkeit wandte sich wieder ab von Dresden. "Danke, Pegida, das wars!" verkündete Spiegel Online.

Das wars aber nicht. Nachdem die Kundgebungen Anfang Februar von einst 20.000 auf nur noch 2.000 Teilnehmer geschrumpft waren, wuchsen sie danach wieder an. 4.300 Pegidisten schätzte die Polizei am 16. Februar, eine Woche später 4.800, am vergangenen Montag 6.200. Das sind keine Massen, aber es sind doch viele, und dass es nach dem medialen Absturz wieder mehr werden, ist besonders bemerkenswert.

Protestbewegungen sind oft gerade deshalb attraktiv, weil sie wachsen. Allein das Gefühl, zu einer neuen, erstarkenden Gruppe zu gehören, lässt viele dazustoßen. Wenn dieser Nimbus einmal verloren ist, schrumpfen die Proteste meist unvermeidlich in die Bedeutungslosigkeit. So war es bei Occupy, so war es auch bei den Montagsmahnwachen. Bei Pegida könnte es nun anders sein. Das spricht dafür, dass zumindest in und um Dresden das Klientel für diese Proteste und die Verbundenheit mit deren vulgär-systemkritischen Positionen ("Volksverräter", "Scheindemokratie") keine Erscheinung von ein paar Wochen war, sondern viel tiefer und dauerhafter ist.

Was also ist passiert bei Pegida in den vergangenen Wochen, im Schatten der ganz großen Aufmerksamkeit?

Bachmann verzichtet

Im Februar haben sich "Gida"-Aktivisten aus ganz Deutschland getroffen und die 19 Pegida-Thesen noch einmal heruntergekürzt auf zehn. Die hat Bachmann dann ausgedruckt und an das Tor der Dresdner Kreuzkirche geklebt. Martin Luther hatte seine Thesen einst in Wittenberg an die Kirche genagelt. Bachmann nahm nun lieber Klarsichtfolie.

Mit Legida, dem Leipziger Ableger, von dem man sich wegen allzu radikaler Inhalte und Personen einst distanziert hatte, arbeiten die Dresdner nun auch wieder zusammen. Pegida hat auch angekündigt, einen eigenen Kandidaten zur Dresdner Oberbürgermeisterwahl am 6. Juni stellen zu wollen. Bachmann selbst will es aber nicht machen.

Die Gruppe Direkte Demokratie für Europa, die Kathrin Oertel (bekannt durch einen Auftritt bei Günther Jauch) und Rene Jahn nach ihrem Austritt bei Pegida gegründet hatten, konnte sich nie recht durchsetzen, an diesem Montagabend erklärten die beiden, nicht mehr weitermachen zu wollen. Man habe sich spalten lassen, "leider den falschen Menschen vertraut" und wolle nun eine "Weimarer Republik 2.0" verhindern.

Eine andere Entwicklung in Sachsen in diesen Wochen aber ist vielleicht am geeignetsten, den konstanten Zulauf zu Pegida zu erklären: Die steigenden Asylbewerberzahlen und der Widerstand gegen deren Unterbringung in immer mehr Orten in Sachsen, aber auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Landräte schimpfen über ein vermeintliches Asyl-Chaos, Bürgermeister sehen sich überrumpelt, weil Turnhallen kurzfristig zu Erstaufnahmeunterkünften umgenutzt werden. Die Asylbewerber ziehen in Hotels, in Vororte und in kleine Dörfer, in denen man bisher keine Ausländer kannte. Und fast überall ist der Widerstand groß. Allein am Freitag demonstrierten in Freital 1.500 und in Gera 2.000 Menschen gegen Asylbewerber in ihren Städten. Der Erfolg von Pegida dürfte sie dazu ermutigt haben. Und umgekehrt ermuntern ihre Demos die Pegidisten, weiterzumachen. So stabilisiert sich in der Region der Widerstand gegen Asylbewerber, in den Köpfen und auf den Straßen. Was auch dazu gehört: Rechtsradikale Schmierereien an einer noch nicht bezogenen Unterkunft in Hoyerswerda, die Übergriffe auf ein Flüchtlingscamp in Dresden.

"Weisen Sie sich doch erst mal aus!"

Die Pegida-Spaziergänge selbst haben sich dabei auf den ersten Blick kaum verändert. Auch an diesem Montagabend steht Bachmann wieder im Laderaum des Kastenwagens, der ihm seit Beginn als Bühne dient. Und wieder schafft es Bachmann, sich gleichzeitig dafür zu feiern, dass nun die Politik ("selbst die SPD!") vermeintlich Ideen von Pegida ("Einwanderung nach Punktesystem!") übernommen habe, dieser Politik aber gleichzeitig vorzuwerfen, sich nur an Pegida anzubiedern. Bachmann sagt: "Politiker sind nur gemietet."

Dann laufen sie los, einmal herum um den südlichen Teil der Altstadt, minutenlang ziehen sie vorbei. Später wird die Polizei von 6.500 Teilnehmern sprechen, und das scheint im Vergleich zu den Demos im Dezember und Januar sehr zurückhaltend geschätzt.

Viel erinnert diesmal an die frühe Phase von Pegida, an die Zeit vor der ganz großen Aufmerksamkeit. Auch jetzt wollen viele Spaziergänger nicht mit der Presse reden. "Weisen Sie sich doch erst mal aus!" rufen sie, und wenn man dem nachkommt, verziehen sie nur das Gesicht und gehen weiter. Fünf Versuche bleiben erfolglos.

Das war im Januar anders. Da waren sie gesprächsbereiter. Teils, weil sie nicht zum harten Pegida-Kern gehörten sondern zu jenen Neugierigen, die die Bewegung ein paar Wochen lang auf fast 20.000 Teilnehmer anwachsen ließ. Teils, weil sie so berauscht davon waren, auf den Titelseiten zu stehen und gehört zu werden, dass sie, zumindest kurz, bereit waren, Medien nicht nur als "Lügenpresse" zu behandeln, sondern als Möglichkeit, etwas zu erzählen.

"Grünes Reich" ohne Schweinefleisch

Damals haben sie auch weniger "Volksverräter, Volksverräter" skandiert, damals bemühten sich gerade die Organisatoren um Mäßigung.

Davon ist nun nichts mehr zu sehen. Als sie wieder ankommen auf dem Altmarkt, redet noch einmal Tatjana Festerling, ehemalige AfD-Politikerin aus Hamburg. Sie hat eine Idee mitgebracht. Sollen die linken Gutmenschen doch im Westen ihre Gesinnungsdiktatur errichten mit "gendergerechten Enthauptungen" und "Kondomabrollwettbewerben" in den Kitas, sollen sie ihr "Grünes Reich" ohne Schweinefleisch und mit Vollverschleierung gründen. Die guten Deutschen bleiben dann im Osten, wo es so "geborgen und vertrauensvoll" sei. "Und in der Mitte", ruft Festerling, "ziehen wir eine Mauer hoch! Aber diesmal so richtig hoch!" Das Publikum jubelt so laut wie nie an diesem Abend, und es ist nun nicht mehr ganz klar, ob sie das noch für Polemik halten oder ob ihnen das auch längst ernsthaft recht wäre, sich erneut selbst einzumauern. Als danach Bachmann zu relativieren versucht, "wir hoffen natürlich nicht, dass es so kommt", rufen gleich mehrere aus voller Kehle: "Doch!"

Abschotten, schimpfen, sich an sich selbst berauschen: Pegida hat es sich wieder mit sich selbst gemütlich gemacht. Und es lässt sich an diesem Montagabend in Dresden wirklich nicht erkennen, warum sich daran bald etwas ändern sollte.

Ende des Monats übrigens will eine Gruppe von Pegida-Anhängern nach Berlin fahren. Sie hat sich schon mit Landtags- und Bundestagsabgeordneten getroffen, mit dem sächsischen CDU-Innenminister Markus Ulbig, und alle hätten ihnen interessiert zugehört, berichteten sie. In Berlin soll ihnen nun auch ein Staatssekretär zuhören. Friedrich Kitschelt arbeitet im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des CSU-Ministers Gerd Müller. Ein Sprecher hat das Treffen mittlerweile bestätigt. Man werde mit den sächsischen Aktivisten über "die Lage der Flüchtlinge weltweit" reden.

Nein, Pegida ist wirklich nicht vorbei.