Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz schon einmal erlebt oder beobachtet. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hervor. Zum Auftakt des Themenjahres Gleiches Recht. Jedes Geschlecht hat die Stelle die Ergebnisse der Studie vorgestellt.

Die Befragten seien nur unzureichend über ihre Rechte informiert. 81 Prozent wüssten nicht, dass Arbeitgeber verpflichtet sind, sie aktiv vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu schützen. Außerdem kennen mehr als 70 Prozent der Befragten auch keine Ansprechperson in ihrem Betrieb.  

"Sexuelle Belästigungen können traumatische Folgen für die Betroffenen haben. Nicht zuletzt deshalb sind die Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Mitarbeitenden zu schützen", sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) nennt sexuelle Belästigung eine Form von verbotener Diskriminierung.

Die rechtliche Begriffsdefinition und das tatsächliche Erleben klaffen laut Umfrage allerdings weit auseinander. Oft würden Verhaltensweisen, die vom Gesetzgeber klar als sexuelle Belästigung definiert seien, nicht als solche verstanden, sagte Lüders. Dazu gehören laut Gesetz etwa "unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten", "unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen" oder "sexuell bestimmte körperliche Berührungen". Unter diesen Voraussetzungen hätten 49 Prozent der Frauen und 56 Prozent der Männer angegeben, solche Belästigung bereits erlebt zu haben. Direkt befragt, hätten aber nur 17 Prozent der Frauen und sieben Prozent der Männer von sich gesagt, sie seien bereits am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden.

Eine Kommission unter Vorsitz des früheren Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), und der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), Jutta Allmendinger, soll nun Handlungsempfehlungen erarbeiten. Dabei soll es etwa um die Frage gehen, wie "Arbeitgeber ihren Informationspflichten besser nachgehen können", so Wowereit. Allmendinger kritisiert, dass die Zweimonatsfrist, in der Betroffene sexuelle Belästigung vor Gericht bringen müssen, sehr kurz sei.

Zum Themenjahr Gleiches Recht. Jedes Geschlecht werden 2015  Tagungen, Kulturveranstaltungen, wissenschaftliche Arbeiten und ein bundesweiter Aktionstag am 16. September veranstaltet. Diese sollen sich verschiedenen Teilbereichen der Geschlechterdiskriminierung widmen wie etwa Lohnungleichheit, sexueller Belästigung oder den Diskriminierungsrisiken von Männern.