Michael Beyerlein während einer Reise in Ruanda © Privat

An einem Abend vor der nächsten Pegida-Demo und nach dem Dachstuhlbrand in Tröglitz haben Jürgen, Horst, Ute, Peter und Markus sich bei Ronald im Wohnzimmer versammelt und zwei Gäste eingeladen. Es gibt Erdnussflips, Apfelsaft und die Frage, ob Tröglitz überall in Deutschland ist, also auch hier im Vorort von Chemnitz. Die Runde des Hauskreises besteht aus bibelfesten Christen. Ein Kfz-Meister ist dabei, eine Erzieherin, ein Maschinenschlosser, ein Altenpfleger und zwei Rentner, die sich ehrenamtlich in der Gemeinde engagieren.

Fremdenhass scheint in dieser Einfamilienhaussiedlung keine Chance zu haben. Aber nur ein paar Kilometer weiter ist die Stimmung sehr tröglitzmäßig. Vor ein paar Tagen, am Ostermontag führte das in Dresden dazu, dass Pegidisten drei Gemeindemitgliedern drohten. Falls in ihrem Gotteshaus noch einmal genau dann die Kirchenglocken läuten, wenn Pegida durch die Stadt marschieren will, dann werden sie ihnen die Kehle durchschneiden. Das hatten die Männer gesagt.

Die Stimmung ist also angespannt, und man fragt sich, wo das noch hinführt: Nazis, die Ausländer jagen, während die Polizei dabei zuschaut, so wie damals in Rostock-Lichtenhagen – das ist eine der Erinnerungen, vor denen man sich im sächsischen Wohnzimmer wieder fürchtet. Um von dieser Bedrohung mehr zu verstehen, hat Jürgen Michael Beyerlein und seine Frau Sissi eingeladen.

Beyerlein ist 56 Jahre alt, trägt eine dunkelblaue Hose und unter der Trainingsjacke ein hellblaues Hemd. In seinem stoppeligen Vollbart versteckt er oft ein Lächeln. Er strahlt etwas Zufriedenes aus. Seit dem 1. April arbeitet Beyerlein als kirchlicher Flüchtlingsbeauftragter für den Kreis Erzgebirge. Er kennt die Erstaufnahmelager und Flüchtlingsunterbringungen in Chemnitz, Schneeberg und Dresden und engagiert sich für ein Miteinander zwischen Hilfsbedürftigen und Sachsen. Seine Frau Sissi sitzt neben ihm. Ihre Hautfarbe ist dunkel. Sie stammt aus Uganda. Und das ist an dieser Stelle deshalb erwähnenswert, weil ihr Ehemann Menschen wie sie vor einigen Jahren vermutlich noch beschimpft hätte.

Beyerlein, der Mann, der heute mit einer afrikanischen Frau verheiratet ist, hat damals, vor seinem Lebenswandel, selbst gegen Afrikaner gehetzt. Er war ein Ausländerfeind, ein Rechtsradikaler, der gegen Asylbewerber mobilmachte. Er war kein kleiner Mitläufer, sondern ein mittelgroßer Funktionär, der es bei den Republikanern bis zum Bezirksvorsitzenden geschafft hatte.

Heute hätten die Nazis der Chemnitzer Pegida-Bewegung ihn zu ihrem Feind erklärt, so sagt Beyerlein es jetzt zu der Runde der Christen. Die anderen hören ihm zu. Viel weiter auf das Thema eingehen muss er nicht. In Chemnitz und Umgebung hat sich rumgesprochen, wie sehr Beyerlein und seine Frau sich für die Flüchtlingsarbeit einsetzen, jeden Tag.

Das Ehepaar wäre ein perfekter Kandidat für eine Auszeichnung, so wie es der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel gerade forderte, als er davon sprach, zivilgesellschaftliches Engagement zur Flüchtlingsintegration zu belohnen. Neben den "Ausländer-raus"-Rufenden gibt es ja auch Menschen, in West- und Ostdeutschland, die für das Gegenteil stehen, die in ihrer Freizeit denen helfen, denen es noch schlechter geht, ohne dafür bezahlt zu werden. Oft ohne dafür überhaupt ein Dankeschön zu hören. Sissi und Michael Beyerlein sind solche Menschen. Sie arbeitet in der Chemnitzer Brücke, einer Begegnungsstätte für Flüchtlinge in Chemnitz, er koordiniert die Flüchtlingshilfe mehrerer Kirchen im Kreis.

Er demonstrierte mit 4.000 Menschen

Doch einer dramaturgischen Regel folgend muss ein Held erst Hindernisse überwinden, bevor er zum Helden wird. Genau das hat Beyerlein gemacht. In den Achtzigern, mit Mitte 20, wurde er Parteimitglied der Republikaner. Tagsüber arbeitete er damals als Busfahrer in seinem Heimatort Hof in Oberfranken. Und wenn der Bus stand, klebte er Plakate. Darauf waren Schwarze gedruckt und die Aufschrift: "Das Boot ist voll."

Er organisierte den Wahlkampf für die Republikaner, hielt fremdenfeindliche Reden in Wirtshäusern und feierte mit seinen Parteifreunden, wenn sie in seinem Wahlkreis wieder einmal zweistellige Wahlergebnisse holten. Ein Höhepunkt seiner Parteiarbeit war der Sommer 1993. Wenige Tage nach dem Brandanschlag auf ein Wohnhaus in Solingen, bei dem fünf Menschen mit türkischen Wurzeln starben, die Jüngste vier Jahre alt, unterstützte Beyerlein jene 4.000 Menschen, die in Augsburg gegen "Sozialschmarotzer" und gegen die Aufnahme von Flüchtlingen demonstrierten.

Das war nichts anderes als die aktuellen Pegida-Demos, die fremdenfeindlichen Aufmärsche, vor denen er nun warnt, sagt Beyerlein, während seine Frau ihm ein Glas Apfelsaft eingießt. Ute und Peter schauen auf die Anbauwand am Ende des Wohnzimmers. Dass Pegida, oder in voller Namenslänge: die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, überhaupt vom aus ihrer Sicht christlichen Abendland sprechen, verstehen sie nicht.

Beyerlein erwidert, heutzutage gebe es in Sachsen selbst unter Kirchengängern Pegida-Unterstützer. Wenn sonntags der Gottesdienst beendet sei, gäben diese Gemeindemitglieder nur ein oder zwei Euro in die Kollekte, weil sie die übrigen fünf Euro für das Benzingeld nach Dresden bräuchten. "Damals waren wir die Nazis in Nadelstreifen, heute sind es die AfD- oder Pegida-Vertreter."