Papst Franziskus: zu viele Hoffnungen geweckt? © Max Rossi/Reuters

Eine Pizza im Lokal zu essen, hat er sich jüngst einmal gewünscht. Und, auf den römischen Straßen unerkannt zu streunen. Als er noch Kardinal war, da konnte Jorge Mario Bergoglio bei seinen ungeliebten Vatikanbesuchen noch ungestört durch die Innenstadt von Rom flanieren. Bei diesen Aufenthalten wohnte er im Priesterheim in der Via della Scrofa, einen Steinwurf von der Piazza Navona entfernt. Ein paar Schritte weiter liegt die französische Nationalkirche San Luigi dei Francesi, die Touristen und Kunstfreunde für die Ausstellung dreier Gemälde von Caravaggio schätzen.

Auch den Kardinal aus Buenos Aires zog es stets in die linke hintere Ecke der finsteren Kirche vor die Contarelli-Kapelle, in der unter anderem das berühmte Ölbild "Berufung des heiligen Matthäus" hängt. Jesus deutet darauf auf den geldzählenden Zöllner Matthäus, der ganz erstaunt über die Berufung den Zeigefinger auf sich selbst richtet. "Genauso fühle ich mich", gestand Papst Franziskus im Interview mit der Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica. Es sei die Geste des Matthäus, die ihn betroffen mache. "Das bin ich: ein Sünder, den der Herr angeschaut hat."

Nun ist es insbesondere bei hochrangigen Klerikern beliebt, mit einer gewissen Portion an Koketterie die eigene Bedeutungslosigkeit hervorzuheben. Das mag auch bei Franziskus der Fall sein, doch das Gemälde und die Worte des Papstes gelten als Verständnisschlüssel zu seinem Denken. Die Berufungsszene wird auch in den Homilien des heiligen Beda Venerabilis beschrieben, "miserando atque eligendo" (liebevoll anblickend und erwählend) suche sich Jesus Matthäus aus, heißt es dort. So lautet auch der Bischofswahlspruch Jorge Bergoglios, den er als Papst beibehalten hat und der seine Mission der Barmherzigkeit nachhaltig kennzeichnen soll. Der milde, gezielte Blick auf die Sünder, das ist Bergoglios Programm.

Echte Sünder haben Konjunktur in der Kirche

Nicht wenige wollen die päpstliche Botschaft auch so verstehen, dass nach Jahrzehnten anmaßender Elogen auf angeblich nicht verhandelbare Werte jetzt wieder echte Sünder Konjunktur in der Kirche haben. Die Ausgegrenzten, das seien für Franziskus nicht nur die Armen, sondern auch Atheisten, wiederverheiratete Geschiedene und insbesondere Homosexuelle. Gerade sie waren anfangs besonders angetan vom neuen Ton aus Rom. "Wenn jemand schwul ist, den Herrn sucht und guten Willen hat, wer bin ich, über ihn zu urteilen?", so lautet der Satz, mit dem Franziskus im Juli 2013 die größten Hoffnungen weckte und die meisten Enttäuschungen vorwegnahm.

Die Worte wurden zum missverstandenen Emblem des Pontifikats, weil Bergoglio sich damit im Rahmen des katholischen Lehramts bewegte, das nicht homosexuelle Personen, aber wohl homosexuelle Akte verurteilt. Er traf aber einen Ton, der Sehnsüchte weckte und den Papst in der öffentlichen Meinung zu einer Pop-Ikone der Toleranz und Menschlichkeit wuchern ließ. Franziskus erschien plötzlich als eine Art päpstlicher Scherenschnitt für alle – und förderte die Erwartungen an ihn zusätzlich, anstatt sie einzudämmen.

Sogar seine schärfsten Kritiker attestieren dem Papst, er habe mit seiner Personalpolitik de facto längst das Paradigma der katholischen Haltung zur Homosexualität verändert. Das behauptet etwa der angesehene italienische Vatikan-Journalist Sandro Magister, der in mehreren Einträgen seines auch im Vatikan viel gelesenen Blogs auf die nie da gewesene Zahl "homosexueller Kleriker" hinweist, die in den "beiden vergangenen Jahren in der Kurie auf bedeutende Posten befördert wurden und in engem Kontakt mit dem Papst stehen". Die Sünder, so scherzen Beobachter, hätten im Vatikan das Heft fester in der Hand als je zuvor.

Erschienen in Christ & Welt

Obwohl die Informationen von anderen Insidern bestätigt werden, muss man wissen, aus welcher Richtung diese Behauptungen kommen: Der Katholik Magister, der für die linke Zeitschrift "L’Espresso", eine italienische Version des "Spiegels", schreibt, ist einer der vehementesten Kritiker Bergoglios. Homosexuelle in hohen Leitungsfunktionen der katholischen Kirche sind zudem keine Neuheit.

Homosexuelle in Leitungsfunktion

Das bekannteste Beispiel, das auch Magister nennt, ist Monsignore Battista Ricca, den Bergoglio als Leiter des Priesterheims in der Via della Scrofa kennenlernte, der anschließend das vom Papst bewohnte vatikanische Gästehaus Santa Marta leitete und schließlich von Franziskus aufgrund persönlicher Sympathien zum Prälaten der Vatikanbank ernannt wurde. Als päpstlicher Diplomat in Uruguay soll der Priester unter anderem eine Liaison mit einem Schweizer Leutnant gepflegt und Schwulenbars frequentiert haben. Als Franziskus auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro nach Battista Ricca gefragt wurde, sprach er ebenjenen programmatischen Satz seines Pontifikats: "Wenn jemand schwul ist, den Herrn sucht und guten Willen hat, wer bin ich, über ihn zu urteilen?"

"Das waren neue Töne", sagt Gianni Geraci, der der homosexuellen christlichen Gemeinschaft Il Guado (Die Furt) in Mailand vorsteht. Homosexuellenverbände begrüßten die Worte des Papstes. Vladimir Luxuria, Italiens bekannteste Transsexuelle, die vier Jahre lang für die kommunistische Partei im italienischen Parlament saß und sich als Katholikin bezeichnet, vermeinte frischen Wind im Vatikan zu spüren und sah sich in ihrer Wiederannäherung an den katholischen Glauben bestärkt. So hatte es Franziskus wohl auch bezweckt, als er im Interview mit "La Civiltà Cattolica" Homosexuelle als "sozial verwundet" bezeichnete und erläuterte, die Kirche wolle homosexuelle Menschen nicht ausschließen.