Mit 14 Jahren zog Flores Pérez Cruz nach Havanna, es war wegen der Amerikaner. Der junge Mann stammte von einer Tabakplantage in der Nähe von Trinidad im Süden Kubas, doch eine Zukunft konnte er sich dort nicht vorstellen. "Außer Tabakanbau und Zuckerrohranbau gab es da doch nichts", erzählt er, "und ich war zu faul für die Arbeit auf dem Feld".  

Havanna, die Hauptstadt, hatte ihm 1951 mehr zu bieten. Die Uferpromenade des Malecón und die besseren Viertel waren in der Hand der Amerikaner, wohlhabender Touristen auf der Suche nach Glücksspiel und karibischem Nachtleben in den Cabarets und Bars, nach einem Glas Rum und einer guten Zigarre. Es waren die letzten Jahre unter dem Präsidenten Fulgencio Batista, der Havanna zu einem Vergnügungspark für Gäste aus dem Norden machte, und der es zuließ, dass die noblen Hotels der Stadt zu Hochburgen der Mafia wurden.   

"Es gab Feste und chicas überall", erinnert sich Cruz und lehnt sich behaglich in dem breiten Lehnstuhl seines Wohnzimmers zurück. Er ist ein Mann von 79 Jahren mit krausen weißen Haaren über der Stirn; er erzählt temperamentvoll und lacht dabei häufig und laut. Zigarren: die konnte Cruz den Amerikanern bieten, und was für welche! 

Sein Onkel, ein Meister des Fachs, hatte ihm in der Provinz das Rollen beigebracht. Cruz wusste um die Geheimnisse einer guten Zigarre, um die verschiedenen Schichten, in denen jedes Tabakblatt eine eigene Funktion erfüllt. Manche halten das Feuer am Glimmen und andere erzeugen eine Vielzahl von Geschmäckern, stundenlang könnte Cruz darüber fachsimpeln. In Havanna zog er in einen Vorort, lebte bescheiden und kaufte Tabakblätter bei den Lagerhäusern ein. Er rollte zu Hause, und das Ergebnis verkaufte er an Vertriebsleute, die ihre Markenzeichen auf den Zigarren anbrachten und die Glitzerwelt am Malecón versorgten.

"Ich hatte ein gesichertes kleines Einkommen und eine angesehene Position in der Gesellschaft", sagt Cruz, "nicht schlecht für jemanden, der nur sechs Jahre Schulbildung hatte". Nur seinen großen Traum hat er nie umgesetzt: Der Mann aus der Provinz war eigentlich nach Havanna gekommen, um eines Tages eine eigene Zigarren-Manufaktur zu begründen. "Ich wollte wachsen und das Geld für ein Haus und ein Auto verdienen."

Doch 1959, als die Revolutionäre um Fidel Castro und Che Guevara den korrupten Präsidenten Batista ins Exil trieben, war damit Schluss. Die Tabakindustrie wurde zentralisiert und die Verbindungen Kubas zu den USA kühlten sich bald ab. Cruz arbeite nun in staatlichen Fabriken. "Man passt sich an alles an", sagt er. Er lernte, für neue Kunden zu arbeiten. Zigarren für Russen etwa muss man anders rollen, nicht so fest, weil es in Russland kalt ist und die Blätter sich zusammenziehen. Später, in den achtziger Jahren, entdeckte das Regime sein Talent als einen Zigarrendreher, der unterhaltsam über seine Arbeit reden kann, und schickte ihn für Werbe- und Propagandareisen ins Ausland. 33-mal ist er gereist, um zu zeigen, wie man Zigarren dreht, einmal auch nach Berlin. Mit den Amerikanern aber hatte er nie wieder groß zu tun.

Und heute? 1.000 Meilen entfernt vom Häuschen der Familie Cruz wurde am Wochenende große Politik gemacht. In Panama-Stadt begrüßten sich Barack Obama und Raúl Castro mit einem Handschlag am Rand des Amerikagipfels und redeten über bessere Beziehungen zwischen den USA und Kuba. Leute wie Cruz merken davon noch nicht viel Konkretes, bis auf zwei Ausnahmen: Die kubanische Regierung hat, seit nicht mehr der eigenwillige Fidel Castro das Regiment führt sondern sein Bruder Raúl, eine Serie marktwirtschaftlicher Reformen und Lockerungen zugelassen. Sie wirbt sogar um Investoren aus den USA, was eine Menge Geld ins Land gebracht hat, neue Restaurants, mehr Privatfirmen als es je gab. Und Barack Obama hat seinen Landsleuten seit Dezember das Reisen auf die karibische Insel erleichtert. Jetzt laufen überall in der Stadt amerikanische Touristen herum, und in ihrem Gefolge Kubaner, die nach internationaler Währung jagen und sich daher als Taxifahrer, Fremdenführer, Souvenirverkäufer und sonstige Dienstleister andienen.

Frage an Cruz: Ob er sich vorstellen könne, dass die alten Zeiten zurückkehren? "Weiß ich nicht", sagt er. Aber er stelle schon fest, dass die jungen Leute in Havanna heute Interesse am Geld hätten, an materiellen Dingen, mehr als zuvor. "Die jungen Männer laufen wie Modepuppen herum, rasieren sich die Beine, einige würden gern ein Vermögen für Kleider, Schmuck und Unterhaltung ausgeben", schimpft er. "Und das, obwohl die jungen Leute auf Kuba so viel Zugang zur Bildung haben! Wir, in unserer Generation, hatten niemals diese Möglichkeiten."