ZEIT ONLINE: Herr Jehser, der Bundestag debattiert diese Woche über eine Neuregelung der Sterbehilfe. Als Palliativmediziner behandeln Sie viele todkranke Patienten. Kommt es häufig vor, dass Sie um Hilfe beim Sterben gebeten werden?

Thomas Jehser: Die Frage nach der sogenannten Todesspritze hören wir nicht selten. Sicher hat jeder Mensch ein Recht auf Suizid. Aber unsere ärztliche Aufgabe ist es, vor allem nachzufragen, warum er so verzweifelt ist, dass diese Idee aufkommt.

Wir machen den Menschen dann klar, wie wir unsere ärztliche Intention, für das Leben zu arbeiten, ausfüllen können. Wenn ein Patient aber dabei bleibt, er wolle lieber sterben, als noch wochenlang in sich verschlechterndem Zustand weiterzuleben, dann finde ich es richtig, dem Patienten beistehen zu dürfen.

Die öffentliche und politische Diskussion über solche Sterbehilfe erweckt häufig den Anschein, es ginge darum, das Sterben zu vereinfachen. Das ist falsch. Wir dürfen aber den Wunsch von Menschen, die einen Suizid erwägen, nicht ignorieren – etwa aus moralischen oder juristischen Gründen. Es gibt Menschen, die lassen sich nicht von diesem Wunsch abbringen. Und auch hier gilt: Der Patientenwille hat oberste Priorität.

ZEIT ONLINE: Kann man den Sterbewunsch auch bei Menschen spüren, die nicht mehr sprechen oder gar schreiben können?

Jehser: Das ist schwierig, etwa bei dementen Menschen oder bei Schlaganfallpatienten. Ich wäre hier sehr vorsichtig, was das Erreichen von Klarheit über die Patientenwünsche betrifft. Da sind wir schnell beim mutmaßlichen Willen des Patienten. Er ist sehr schwierig zu ermitteln.

ZEIT ONLINE: Entscheiden dann die Angehörigen darüber, ob bestimmte lebenserhaltende Maßnahmen fortgesetzt werden?

Jehser: Wenn ein Patient dem Gespräch nur eingeschränkt oder gar nicht folgen kann, dann wirken die Angehörigen an Entscheidungen über weitere medizinische Schritte nur mit, wenn sie dazu beauftragt sind. Dazu brauchen sie eine Vorsorgevollmacht. Angehörige dürfen und sollen uns aber vom Leben und Wesen des Patienten erzählen.

ZEIT ONLINE: Haben auch Angehörige Sie schon um ein tödliches Medikament gebeten?

Jehser: Direkt um ein solches Medikament noch nicht. Mitunter erleben wir aber, dass Angehörige sich der eigenen Last um die Sorge für den Patienten entledigen wollen. Sie kleiden das in Sätze wie: Der hat doch bestimmt Schmerzen, der schafft es doch bestimmt nicht mehr …

ZEIT ONLINE: Wie finden Sie heraus, was bei einem Schwerkranken an Therapien oder etwa an Operationen noch sinnvoll ist?

Jehser: Nach umfassender und gleichzeitig gezielter Diagnostik erläutere ich als Palliativmediziner dem Patienten, was etwa der Chirurg ihm anbieten möchte. Dabei frage ich auch, ob der Patient sich das selbst zutraut. Dann fängt er an, darüber nachzudenken. Ich will, dass er dazu seine innere Stimme hört. Wenn er selbst es bejaht, ist die wichtigste Voraussetzung vorhanden, dass der Eingriff gelingen kann.

ZEIT ONLINE: Sie sind als Arzt also eher eine lenkende Kraft. Schwankt man dann auch mal im Entscheidungsprozess, wohin man lenkt?

Jehser: Ärzte und Patienten haben eine asymmetrische Beziehung: Wir Ärzte verfügen über mehr medizinische Informationen, als die Patienten haben können. Wenn ich mit den Patienten spreche, muss ich mich daher kritisch selbst prüfen: Wie würde ich empfinden, wenn mir ein Arzt das sagen würde, was ich dem Patienten sage? Das hat auch etwas Emotionales: Auf der einen Seite steht das Vertrauen des Patienten in uns Fachleute. Bei uns Ärzten kommt auch manchmal so etwas wie Beklemmung auf angesichts der Frage: Wie wird es weiter gehen, wenn die Entscheidung gefallen ist? Dem kann man nicht entrinnen.

ZEIT ONLINE: Wenn der Sterbewunsch authentisch ist und alle anderen Mittel ausgeschöpft sind: Welche Möglichkeiten haben Sie, das Sterben zu beschleunigen oder gar herbeizuführen?

Jehser: Wir können passive Sterbehilfe leisten, indem wir auf weitere Therapien verzichten. Ein Therapieverzicht kann aus medizinischen Gründen sogar richtig sein, selbst wenn ein Patient nach weiterer Therapie oder nach Operationen verlangt. Manchen Patienten müssen wir sagen: Wir können Ihnen keine Therapie mehr anbieten. Wir sagen aber auch: Trotzdem müssen Sie nicht etwa unter Schmerzen leiden.

Wir könnten theoretisch auch eine tödliche Dosis Schlafmittel verordnen, ein Barbiturat. Es gibt Mediziner, die das tun. Wir in unserer Klinik tun dies nicht, weil es dafür noch keine rechtliche Grundlage gibt und wir es nicht für eine ärztliche Aufgabe halten.

ZEIT ONLINE: Die Verordnung einer tödlichen Überdosis – das wäre dann ein ärztlich assistierter Suizid?

Jehser: Richtig. Theoretisch könnte ich eine Dosis verordnen, mit der der Patient selbst sein Leben beenden kann, indem er es selbst einnimmt. Ich würde dem Patienten erklären: Wenn sie das einnehmen, sterben sie. Vorausgesetzt, dies wäre gesetzlich geregelt und erlaubt.

Statt eines ärztlich assistierten Suizids können wir dem Patienten aber auch helfen, indem wir ihm in höchster Not oder bei schwersten Beschwerden vorübergehend Beruhigungsmittel geben und ihn damit sedieren, um ihn durch eine solche Auszeit beim Überwinden einer vorübergehenden Krise zu unterstützen. Diese Sedierung überwachen wir medizinisch genau, unter anderem durch Kreislaufkontrollen. Diese sogenannte Palliative Sedierung hat nie das Ziel, den Patienten sterben zu lassen.

Sehr selten kann das Leiden aber auch dadurch nicht überwunden werden, der Patient gewinnt also keinen Lebenswillen mehr. Wenn wir dann auch keine andere Linderung anbieten können, haben wir die Möglichkeit, ihn auf seinen Wunsch hin auch kontinuierlich tief zu sedieren. Ziel ist es in diesen seltenen Fällen, dem Patienten dadurch jene Wachheit zu nehmen, die er selbst nicht mehr ertragen kann und will.

Dabei nehmen wir dann ehrlicherweise auch in Kauf, dass er an den Folgen dieser Sedierung sterben könnte, etwa an einer Lungenentzündung. Es träte also eine Lebensverkürzung ein, die nicht unser Ziel ist, die wir aber akzeptieren können.