Frage: Der Fall von Annegret Raunigk, die mit 65 Jahren Vierlinge erwartet, erregt die Gemüter. Ihres auch?

Reinhard Merkel: Nein. Ich halte weder das Alter der Frau für ein besonderes ethisches Problem noch die Wahl der reproduktionsmedizinischen Mittel. Eine Vierlingsschwangerschaft ist natürlich immer ein erhebliches medizinisches Risiko für die Ungeborenen und daher auch ein moralisches Problem. Aber das ist vom Alter der Mutter ganz unabhängig.

Frage: Es spielt ethisch keine Rolle, ob genug Lebenszeit bleibt, um die Kinder großzuziehen?

Merkel: Nein. Im Übrigen mag ja durchaus genügend Lebenszeit dafür bleiben. Wer käme denn auf die Idee, zu sagen, ein 65-jähriger Mann, der mit seiner 45-jährigen Frau ein Kind zeugt, macht etwas moralisch Dubioses? Wer tadelt Picasso dafür, dass er mit 80 Jahren Paloma gezeugt hat? Jetzt wird in der Öffentlichkeit der Frau zum Vorwurf gemacht, dass sie 83 ist, wenn ihre Kinder Abitur machen. Das ist eine Frechheit. Wer solche zudringlichen Überlegungen anstellt, hat selbst ein moralisches Problem. Diese vier Kinder, so sie denn alle zur Welt kommen, würden nicht leben, wenn diese Frau nicht beschlossen hätte, schwanger zu werden. Was wiegt das Argument, dass sie als künftige Abiturienten wegen des Alters ihrer Mutter peinlich berührt sein könnten, im Vergleich dazu, überhaupt nicht zu leben? Für diese Kinder in ihrer ganz konkreten Situation gab es keine Alternative. Entweder sie würden von dieser Frau geboren werden oder von keiner.

Frage: Führen wir nicht im Grunde eine öffentliche Diskussion darüber, wer überhaupt schwanger werden darf?

Merkel: So ist es. Wir führen eine Diskussion, die wir eigentlich hinter uns gelassen haben sollten. Wer will denn ernsthaft verbindlich festlegen, wer Kinder bekommen darf und wer wegen Alters oder Krankheit oder aus sonstigen Gründen keine bekommen soll?

Frage: Sie kritisieren die Lust des Publikums, das Verhalten der Frau moralisch zu bewerten. Sie hat es aber selbst herausgefordert, indem sie ihren Fall bei RTL publik gemacht hat. Sie hätte ja schweigen können.

Merkel: Ja. Dass sie ihren Fall bei einem Privatsender zu Geld macht, finde ich kritikwürdig. Aber das betrifft eine Geschmacklosigkeit. Ein gewichtiger moralischer Einwand gegen die Frau ist es nicht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der jede Intimität, jede noch so abwegige Privatheit zu Geld gemacht werden kann. Dass diese Frau das auch tut, berechtigt niemanden, sie im moralisierenden Vokativ anzuherrschen. Die Vorwürfe sind scheinheilig .

Frage: Annegret Raunigk hat sich, wie Tausende andere auch, im Ausland behandeln lassen. Eizellspenden sind hier verboten. Gefährdet ein solches Verhalten nicht den Rechtsfrieden in Deutschland?

Merkel: Es gibt vieles im Bereich der Biomedizin, was in Deutschland verboten und im Ausland erlaubt ist. Es gefährdet den Rechtsfrieden in Deutschland nicht, wenn diese Angebote genutzt werden. Wenn ich als Deutscher im Ausland etwas tue, was dort strafbar ist, kann das auch in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden. Wenn ich aber eine im Ausland legale Möglichkeit nutze, kann ich in Deutschland grundsätzlich nicht belangt werden. Zu diesem Prinzip gibt es Ausnahmen: einen Katalog genau spezifizierter und besonders gewichtiger Straftaten, die auch dann verfolgt werden können, wenn sie in einem Land begangen werden, wo sie straflos sind. Die Eizellspende gehört nicht dazu.

Frage: Warum ist die Samenspende in Deutschland erlaubt, die Eizellspende nicht?

Merkel: Gute Frage. Ich halte das für verfassungswidrig. Denn eigentlich werden die Frauen damit auf paternalistische Weise vor sich selbst geschützt. Natürlich ist eine Eizellspende medizinisch belastender als eine Samenspende …

Frage: Das ist sehr zurückhaltend ausgedrückt. Die Frauen müssen sich einer Hormonbehandlung unterziehen.

Merkel: Ja, aber das ist eine bewusste und selbstbestimmte Entscheidung. Warum tut der Gesetzgeber so, als seien diese Frauen dumm und müssten vor sich selbst geschützt werden? Durch eine Eizellspende kann gewünschtes Leben entstehen. Das zählt für mich. Auch kann es hoch stehende moralische Motive dafür geben. Stellen Sie sich eine Frau vor, die unter ihrer Kinderlosigkeit schwer leidet, deswegen Depressionen hat und ihre Schwester um Hilfe bittet. Diese entschließt sich dazu – also zur Eizellspende. Was daran moralisch verwerflich sein soll, wissen die Götter, oder besser: der Teufel. Gerade aus der feministischen Ecke kommt oft das Argument, eine solche Behandlung belaste die Frauen, missbrauche sie als Eizelllieferanten. Das halte ich für Nonsens. Frauen, die sich zu einer solchen Spende bereit erklären, handeln autonom. Ihnen zu sagen: Das erlauben wir dir nicht, weil es nicht gut für dich ist, ist frauenfeindlich und entmündigend.