Flüchtlinge sind in Deutschland willkommen, so betonen es Politiker, Kirchen, Künstler, Verbände. Monat um Monat steigt die Zahl derer, die sich in den Aufnahmeämtern melden. Die Kommunen rüsten nach, errichten Notquartiere und schaffen Wohnraum. Zugleich brennen Unterkünfte, wie jüngst im Sachsen-Anhalter Ort Tröglitz, im fränkischen Vorra oder anderswo.

Wie schwer das abstrakte Willkommensversprechen einzulösen ist, spüren zuallererst die Betreiber von Flüchtlingsunterkünften, wenn sie ihre Gebäude versichern wollen. Auch bei der Firma Prisod kennt man das: Als der Berliner Wohnheimbetreiber in eines seiner Gebäude Flüchtlinge einziehen lassen wollten, machte die Versicherung eine Reihe aufwändiger Auflagen und schickte einen neuen Beitragsbescheid. "Die Kosten erhöhen sich zum Teil auf das Drei- bis Fünffache", sagt Susan Hermenau, Sprecherin des größten Berliner Wohnheimbetreibers. Prisod geriet in ernste Schwierigkeiten: "Der Versicherer weigerte sich, weiterzuverhandeln, er war sehr unwillig, ein Ersatzangebot überhaupt vorzulegen."

Ähnlich erging es dem kleinsten Betreiber, der Berliner Stadtmission, die neben zwei als Notquartiere genutzte Traglufthallen nahe dem Hauptbahnhof ein Wohnheim für 125 Flüchtlinge betreibt. Als dort erstmals Menschen einziehen sollten, kündigte die Allianz den Vertrag der Gebäudeversicherung und schickte ein mehr als doppelt so teures Alternativangebot.

Auch Betreiber aus Marburg, Kassel oder Augsburg wissen über solche Probleme zu berichten, wie etwa die Huffington Post schrieb. Wer sich keinen neuen Versicherer suchen will, dem bleibt nur, zu zahlen und die Bedingungen zu akzeptieren. Die Unternehmen stufen Flüchtlingsunterkünfte ähnlich ein wie eine Spielhalle, Jugendherberge oder Klinik – also mit erhöhtem Risiko. Ohne Umzäunung, aufwändige Brandschutzmaßnahmen und Kameraüberwachung gewährt keine Assekuranz Schutz. Die Gebäudemanager der Prisod haben bereits frustrierende Recherchen hinter sich: "Versicherer weigern sich zunächst grundsätzlich, Risikogebäude zu versichern", sagt Hermenau. "Wenn eine Versicherung erst einmal gekündigt hat, ist es schwer, einen neuen Versicherer zu finden. Auf Anfragen kommt oft gar keine Antwort."

Unter welchen Voraussetzungen eine Versicherung das Risiko eines Gebäudes höher bewerten darf, ist nicht eindeutig geklärt. Ob schon eine abstrakte Bedrohung  – eine Flüchtlingsunterkunft könnte brennen – ausreicht oder ob die Gefahrenerhöhung konkret erkennbar sein muss, sei nicht richterlich geklärt, erläutert eine Sprecherin des Justizministeriums. So können die Unternehmen die Beiträge gemäß ihrer eigenen Risikoeinschätzung erhöhen. Hinzu kämen hohe Selbstbehalte, die Versicherer verlangen, sollte ein Schadensfall eintreten, kritisiert Hermenau.

Allianz erstaunt

Trotz Eigenbeteiligung und Auflagen steigen die Kosten der Heimbetreiber teils erheblich: "Die Steigerungsrate ist weit höher, als die Versicherungen es anheben müssten", beklagt Ortrud Wohlwend von der Stadtmission, die sich einen neuen Versicherer suchen musste.

Bei der Allianz Gebäudeversicherung zeigt man sich erstaunt: Einen Vertrag einfach zu kündigen, ohne das Risiko zu analysieren, "ist nicht unser Weg", sagt die Leiterin Private Gebäudeversicherung der Allianz Deutschland, Gaby Hundehege, ZEIT ONLINE. Die Auflagen für Flüchtlingsunterkünfte seien nichts Unübliches und im Interesse der Bewohner, erläutert sie. Etwa Sicherheitskameras oder eine Elektroinstallation nach gängiger Norm, mit Fehlerstromschaltern und ausreichender Leistungsstärke seien in stärker frequentierten Gebäuden unverzichtbar.

Günstige Altverträge

Dass Vorfälle wie in Tröglitz oder Vorra die Preise in die Höhe treiben, bestreitet Hundehege. "Das ist bei uns kein Thema. Wir analysieren Risiken über längere Zeiträume und nicht anhand von einzelnen Ereignissen." Zum Fall der Berliner Stadtmission äußert sie sich nur allgemein: Sie kenne den Fall nicht und könne daher dazu nichts sagen.

Günstige Versicherungsbeiträge rühren oft von langjährigen Altverträgen her, die über viele schadensfreie Jahre niemand antastete. Ändert sich aber die Nutzungsart eines Gebäudes, schickt das Unternehmen dem Kunden einen veränderten Vertrag. "Wenn ein Wohnhaus zu einer Flüchtlingsunterkunft werden soll und die Auflagen eingehalten werden, würde ich den Vertrag aktualisieren, was im Einzelfall zu einer Beitragsanhebung führen kann", sagt Allianz-Abteilungsleiterin Hundehege.

Die Unterkunftsbetreiber müssen die Kommunen dann davon überzeugen, die gestiegenen Versicherungskosten zu übernehmen oder die Tagessätze für die Flüchtlingsbetreuung neu verhandeln. In jedem Fall geht der Beitragsaufschlag zu Lasten der Steuerzahler.

Nach Monaten der Beschwerden wurde jetzt die Bundesregierung auf das Problem aufmerksam. Justizminister Heiko Maas beschwerte sich telefonisch bei der Spitze des Versicherungsverbandes GDV, dem Gesamtverband der Privaten Versicherungen und mahnte Korrekturen an. Hauptgeschäftsführer Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth wies die Mitgliedsunternehmen in einem Rundschreiben zurecht, das ZEIT ONLINE vorliegt: Kündigungen "ohne jede weitere Erklärung, zum Teil ohne Kommunikation mit den Betroffenen, ohne den Versuch, lösungsorientierte Vereinbarungen zu finden", vermittelten den Eindruck, die Versicherungswirtschaft trenne sich aus Furcht vor Anschlägen von den Verträgen und "lasse die Flüchtlinge in größter Not schutzlos". Sollte sich das bewahrheiten, wäre die Branche "einem erheblichen Reputationsproblem ausgesetzt". Man habe es hier nicht mit einem rechtlichen oder versicherungstechnischen Problem zu tun. Von Fürstenwerth schließt mit der Bitte, die "nötige Sensibilität" walten zu lassen. 

Beschwerdemöglichkeit beim Branchenverband

Auch in München ging das Schreiben ein. Die Allianz deutete daraufhin ein Umsteuern an und sicherte zu, die zuständigen Mitarbeiter im Land entsprechend zu instruieren: "In den kommenden Tagen werden wir den Vertrieb entsprechend sensibilisieren und mit Hintergrundinformationen versorgen, damit die Mitarbeiter die richtigen Auflagen machen können", sagt Hundehege.  

Für die Prisod und die Berliner Stadtmission kommt die Ermahnung zu spät, beide haben in langen Mühen für ihre betroffenen Unterkünfte jeweils neue Versicherer gefunden. Welchen, wollen sie zum Schutz ihrer Verträge nicht sagen. Nur soviel: Der Stadtmission half ein Unternehmen mit besonderem sozialem Profil. Vergünstigend habe sich auch ausgewirkt, dass das Haus unweit des Hauptbahnhofs rund um die Uhr durch Sozialarbeiter betreut ist, sagt Sprecherin Wohlwend. Das vermeide Konflikte zwischen Bewohnern und senke das Risiko der Versicherung.

Betreiber, die weiterhin Probleme haben, können sich jetzt auch direkt bei der Wirtschaft beklagen: Branchenverbandschef von Fürstenwerth hat Minister Maas zugesichert, Beschwerden über Kündigungen oder Beitragserhöhungen nachzugehen.