Hoch über dem Land thront auf einem Hügel die Kirche von Aynwardo, einem alten Christendorf in Südostanatolien. "Von hier aus ist jeder Angreifer schon kilometerweit zu sehen", sagt der junge Küster, der auf der Wendeltreppe voranklettert. Mit Festungstürmen und meterdicken Mauern ist die alte Kirche bewehrt wie eine Burg; das Sonnenlicht fällt durch Schießscharten schräg in die kühle Dunkelheit. Aus dem vierten Jahrhundert stammt die Had-Bsabo-Kirche, doch ihre große Stunde erlebte sie vor 100 Jahren. Fast zwei Monate lang hielten Hunderte verzweifelte Christen hier im Sommer 1915 der Belagerung durch osmanische Truppen und kurdische Freischärler stand, während ringsum im Land die christliche Bevölkerung abgeschlachtet wurde. "Die Bleikugeln stecken noch in den Mauern", sagt der Küster und tastet mit den Fingern im Mauerwerk nach einem Loch.

Der junge Mann ist einer der letzten Suryoye in Aynwardo, wo nur noch drei Familien aus diesem uralten christlichen Volk leben. Das Dorf trägt heute den türkischen Namen Gülgöze und ist vorwiegend von muslimischen Kurden bewohnt. An Aynwardo und seinen beherzten Widerstand erinnern sich aber Suryoye in aller Welt – ein Lichtblick in der Finsternis ihres Schicksals im untergehenden Osmanischen Reich. Nach Aynwardo soll deshalb der Gedenkmarsch führen, mit dem Suryoye von nah und fern im Juni der Massaker an ihren Vorfahren vor 100 Jahren gedenken wollen. "Es wird das erste Mal sein, dass wir hier in unserer Heimat des Völkermords an den Suryoye gedenken", sagt Yuhanna Aktas, der als Vorsitzender eines örtlichen Suryoye-Vereins die Gedenkfeier organisiert.

Die Suryoye, die auch Aramäer oder Assyrer genannt werden, sind eines der ältesten christlichen Völker der Welt. In Nordmesopotamien beheimatet, wo heute der Südosten der Türkei liegt, wurden sie ihrer Überlieferung nach von den Aposteln selbst bekehrt und nahmen den Glauben schon im ersten Jahrhundert nach Christus an. Gesichert ist, dass viele ihrer Kirchen mindestens 1.700 Jahre alt sind. Dicht gesprenkelt mit solch alten Kirchen und Klöstern ist ihre Heimat in der Landschaft Tur Abdin, die östlich von Mardin in Südostanatolien liegt. Bekannt sind die Suryoye außerhalb ihrer Heimat vor allem für ihre Sprache, Aramäisch, die schon Jesus Christus sprach, und für den Bischofssitz Mor Gabriel, das älteste aktive Kloster der Welt.

Die meisten Kirchen stehen heute leer, denn im Tur Abdin leben nur noch wenige Suryoye. Seinen Anfang nahm das inzwischen absehbare Ende vor 100 Jahren mit den Massakern an den anatolischen Christen im untergehenden Osmanischen Reich. Etwa die Hälfte der Suryoye fiel dem Schlachten zum Opfer, das in ihrem Fall mehr noch als von osmanischen Truppen von ortsansässigen Kurden ausgeführt wurde. Zwar zielten die Massaker offiziell auf die Armenier, die ebenfalls zahlreich in der Gegend siedelten. In der Praxis machten die Schlächter aber keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Christenvölkern. "Eine Zwiebel ist eine Zwiebel, gleich welcher Farbe – sie wird zerhackt", lautete der geflügelte Spruch eines osmanischen Kommandanten.

Bis zu 300.000 Suryoye wurden nach Schätzung von Historikern damals ermordet, das war fast jeder zweite Angehörige des kleinen Volkes. Die Überlebenden wurden im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts fast vollständig aus ihrer Heimat verdrängt – durch die Türkifizierungspolitik der Türkischen Republik, durch den Druck kurdischer Zuwanderung aus dem Osten und schließlich durch den Krieg zwischen kurdischen Rebellen und dem türkischen Staat. Heute harren nur noch zwischen 2.000 und 3.000 Suryoye im Tur Abdin aus, weitere 20.000 leben in Istanbul, und bis zu 300.000 sind über Europa und Amerika verstreut – davon die größte Bevölkerungsgruppe, etwa 100.000 Menschen, in Deutschland. Als "Seyfo" oder "Jahr des Schwertes" sind ihnen allen die Ereignisse von 1915 ins kollektive Gedächtnis gebrannt.

Doch während die Welt in diesem Monat des Völkermords an den Armeniern vor 100 Jahren gedenkt, kämpfen die Suryoye noch immer um internationale Anerkennung ihres Leids. "Der Genozid an den Assyrern steht im Schatten des Genozids an den Armeniern", sagt Sabri Atman, der das Assyrische Genozid-Institut in Schweden leitet. "Historiker und Politiker haben das bis heute nicht genug berücksichtigt."

Weltweit bemühen sich die Suryoye um Aufklärung und Anerkennung und rennen dabei oft gegen verschlossene Türen. Als der Bundesverband der Aramäer in Deutschland – eine von mehreren deutschen Suryoye-Vereinigungen – kürzlich an die Bundesregierung appellierte, den "aramäischen Genozid" anzuerkennen, erhielt er zwar ein Antwortschreiben vom Auswärtigen Amt. In dem Brief an die Aramäer war aber vor allem von der "Versöhnung zwischen Armeniern und Türken" und vom "türkisch-armenischen Annäherungsprozess" die Rede – die Aramäer wurden darin nur einmal erwähnt. "Damit sind wir natürlich nicht einverstanden", sagt Johny Messo, der Vorsitzende des World Council of Arameans. "Die Aramäer sind ein eigenes Volk, ihre Leiden und Sorgen sollten anerkannt und nicht in einen Topf mit jenen anderer Völker geworfen werden, auch wenn diese ähnlich sein mögen."

Das Schickal der Suryoye von 1915 ist nicht erst neuerdings in Vergessenheit geraten. Schon damals, als die Massaker sich ereigneten, drangen weniger Berichte über das Sterben der Suryoye an die Außenwelt als über das Schicksal der Armenier. Das lag zum einen daran, dass die Suryoye vor allem auf dem Dorf lebten und nicht in den Städten, wo europäische und amerikanische Diplomaten und Missionare zu Augenzeugen der Gräueltaten an den Armeniern wurden. Auch wurden die Suryoye nicht wie die Armenier auf Deportationsmärschen getötet, die für jedermann sichtbar waren, sondern vor Ort in ihren entlegenen Dörfern, weit von den Blicken der Beobachter entfernt.