Fast wäre aus mir eine Musterdeutsche geworden. Mit allen Sekundärtugenden, die einen Durchschnittsdeutschen auszeichnen. Denn als ich adoptiert wurde, erbte ich eine deutsche Familiengeschichte: Ich habe deutsche Eltern und sogar eine Großmutter, die früher Hitler-Anhängerin war. Zugleich wurde in meiner Familie Willy Brandt verehrt, die Bild-Zeitung verachtet und schon sehr früh Energie gespart. So bin ich aufgewachsen. Ich war deutsch, und niemand in meiner Familie wäre auf die Idee gekommen, mir zu erklären, dass ich Chinesin bin. Wir kannten gar keine Chinesen. Ausländische Adoptivkinder und ihre entwicklungspsychologischen Probleme mit dem Anders-Aussehen waren in den Wirtschaftswunderjahren noch nicht Gegenstand von Ratgeberbüchern.

Aber aus der Musterdeutschen konnte so nichts werden. Denn ich bin kein Adoptivkind mit weißer Hautfarbe. Ich wurde nach meiner Geburt von chinesischen Eltern, die nur wenige Jahre in Deutschland gelebt hatten, in einem Waisenhaus zurückgelassen – und erst mit vier Jahren adoptiert. Anfang der 1960er Jahre aber konnte man die in Deutschland lebenden Chinesen noch an einer Hand abzählen.

Mir waren daher Chinesen genauso fremd wie jedem anderen Deutschen auch. Und genau das wurde zu meinem Problem, einem fast lebenslänglichen Spagat zwischen Schein und Sein. Denn bereits im Kindergarten erklärten mir die anderen Kinder: "Du kommst gar nicht aus Deutschland". Das verstand ich nicht. Ich war doch in München auf die Welt gekommen. Auch heute noch – zum Glück immer seltener – werde ich nach meiner Herkunft gefragt. Wenn ich dann wie immer mit "München" antworte, belehren mich unsensiblere Naturen: "Nein, ich meine, Sie sind doch nicht von hier. Woher stammen Ihre Eltern?" Ist das nicht furchtbar unhöflich? Wird ein weißer Deutscher je nach seiner Abstammung gefragt?

Den Widerspruch zwischen Deutsch-Sein und Chinesisch-Aussehen konnte ich als Kind nicht begreifen. Niemand hielt mich für das, was ich war, und daran verzweifelte ich. Ich wollte doch nur dazugehören. Ich wurde ein zorniger Mensch. Jahrelang lief ich gegen Wände, weil ich erzwingen wollte, als Deutsche akzeptiert zu werden. Diesen Kampf aber konnte ich nicht gewinnen. Wenn jedoch ständig das Selbstverständnis deutsch zu sein angezweifelt wird, dann nagt das am Selbstwertgefühl. Identitätskrisen sind die Folge.

Selbst Kinder, die mit ausländischen Eltern aufwuchsen, hatten einen Vorteil mir gegenüber: Sie konnten wenigstens verstehen, warum sie gehänselt und aussortiert wurden. Und wenn sie nicht "typisch deutsch" aussahen, dann wussten sie zumindest, warum das so war.

"Ich musste meiner Mutter in die Augen sehen"

Wenn mich heute die Frage nach meiner Herkunft nicht mehr gleich in eine Identitätskrise stürzt, so ist das, weil ich diesen Du-bist-aber-gar-nicht-deutsch-Dämon besiegt habe. Geholfen hat mir dabei die Suche – mit vielen unerwarteten Wendungen – nach meinen leiblichen Eltern. Ich hatte bis spät in mein Erwachsenenleben einfach die Tatsache ausgeblendet, dass ich wie eine Chinesin aussah. Außenstehende mögen darüber lachen, weil mein Irrtum so offensichtlich war.

Das Sinologie-Studium half mir noch nicht weiter: Als ich in Peking studierte, kamen mir die Chinesen genauso fremd vor wie jedem anderen Ausländer auch. China war nicht automatisch meine Heimat, nur weil ich hier wie die Mehrheit der Bevölkerung aussah. Ich empfand meine Lage nur als sehr absurd: In Deutschland war ich für die meisten eine Ausländerin, aber wenn ich den Mund aufmachte, bestand kein Zweifel mehr daran, woher ich kam. In China wiederum nahmen sie selbstverständlich an, ich sei eine von ihnen, aber wenn ich Chinesisch sprach, dann war ich sofort als Ausländerin entlarvt. Ich gehörte also nirgends dazu, nur in China hat es mir nicht wehgetan, weil ich nicht erwartet habe, dazuzugehören. Ich war ja nur ein Gast.

Wir denken, ein Deutscher muss weiß sein

Es hört sich pathetisch an, aber ich musste wirklich erst meiner leiblichen Mutter gegenüberstehen, um zu begreifen, dass ich nicht weiß bin. Ich betone die Hautfarbe so sehr, weil wir Deutschen (ich natürlich auch) mit der Annahme aufgewachsen sind, dass das Deutschsein und asiatische, afrikanische oder arabische Gesichtszüge nicht zusammengehören. Ich wette, eine Mehrheit würde bei einer repräsentativen Umfrage "Wie sieht ein Deutscher aus" auch heute noch von Bleichgesichtern ausgehen. Das ist nicht verwerflich, aber anstrengend für alle Deutschen, die nicht diesem Standard entsprechen.

Meine biologische Mutter ist chinesisch. Das sieht man auf den ersten Blick. Sie denkt auch chinesisch, sie zählt chinesisch und ihre Werte sind konservativ-chinesisch. Ich musste dieser kleinen Frau in dem gemusterten Seidenpyjama aber erst direkt in die Augen sehen, um zu verstehen, warum mich mein ganzes Leben Menschen für etwas hielten, was ich scheinbar war, aber nicht sein konnte.

Als ich das endlich begriffen hatte, fiel eine große Last von mir ab. Die Last der Selbstzweifel, des Minderwertigkeitsgefühls. Es war eine Befreiung. Ja, ich habe chinesische Erzeuger, die mir mein Aussehen verliehen haben. Aber nein, eine Chinesin bin ich nicht.

Und auch eine Musterdeutsche möchte ich nicht mehr werden. Ich bin einfach nur ich. Deutschsein ist für mich in erster Linie eine Geisteshaltung, eine Gemütsverfassung. Das Dritte Reich, die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, aber auch die Vielfalt der europäischen Kunst und nicht zuletzt das Bayerische sind Facetten meiner Identität. Darauf bin ich weder stolz noch geniere ich mich dafür. Es ist nur so wie eben bei jedem Deutschen – ganz normal.