Ich bin Erzieherin in der Bienengruppe, seit mehr als 30 Jahren. Den Kindern habe ich oft das Du angeboten. Meine jüngeren Kollegen werden ja heutzutage auch mit dem Vornamen angesprochen. "Aber das geht doch nicht. Du kannst nicht Christine heißen, Du bist doch Frau Raschi", sagten die Kinder dann. Fast jeder in der städtischen Kindertagesstätte Moritzberg in Hildesheim nennt mich Frau Raschi.

Mein Mann und ich haben keine eigenen Kinder. Aber jeden Morgen, wenn ich zu den Kindern in der Bienengruppe fahre, freue ich mich auf sie. Wenn man Dreijährige dabei begleitet, wie sie sprechen oder klettern lernen und ihre Freude erlebt, wenn sie erstmals alleine auf Toilette gehen, wenn man ihre Ängste tröstet, Tränen und Sabber trocknet, wenn man diese kleinen Könige und Königinnen, die oft erstmals aus dem Reich der Eltern zu uns in die Kita kommen, mit den Prinzipien des Zusammenlebens in einer Gruppe konfrontiert, und wenn man mehr Zeit mit ihnen verbringt, als es ihre Eltern tun, dann wachsen sie einem ans Herz. Das mag pathetisch klingen, ist aber so. 

In diesem Sommer bin ich 36 Jahre als Erzieherin tätig. Seit mehr als drei Jahrzehnten kümmere ich mich um die Kleinkinder anderer Leute. Jetzt streike ich das erste Mal. Viele Eltern von meinen Bienen-Kindern wissen nicht, was sie machen sollen. Sie haben Probleme, ihre Kleinen betreuen zu lassen. Die letzten Notbetreuungsplätze mussten in unserer Kita ausgelost werden. Für die, die Pech hatten, gibt es eine Warteliste. Das tut mir Leid. Ich vermisse meine Bienen-Kinder. Außerdem bin ich nicht einmal Mitglied in der Gewerkschaft. Wenn ich streike, bekomme ich kein Geld. Aber es muss sein. Es reicht.

Ich bin nicht des Geldes wegen Erzieherin geworden. Doch jetzt geht es um Anerkennung – und Geld. Denn beides hängt zusammen. Als ich Ende der Siebziger meine ersten Jahre als Erzieherin im Kindergarten arbeitete, war die Welt noch eine andere. Inzwischen bieten wir den Eltern ein Ganztagsangebot. Ich bin mit dafür verantwortlich, dass der Bildungs- und Erziehungsauftrag in unserem pädagogischen Bewegungskindergarten umgesetzt wird. Dabei geht es um individuelle Förderung und die Koordination zwischen Jugendamt, Ergotherapeuten, Logopäden und den Eltern.

In unserer Gesellschaft kommt mein Beruf oft zu schlecht weg, weil viele einfach keine Ahnung haben. Ich bin keine Basteltante. Dieser Job bedeutet nicht, im Sandkasten zu sitzen und Burgen zu bauen. Kindererziehung und frühkindliche Bildung ist viel mehr. Und was ich aus meiner eigenen Erfahrung als Erzieherin weiß: Wir haben heutzutage mehr verhaltensauffällige Kinder in der Kita als etwa in den achtziger oder neunziger Jahren. Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizitstörungen und Kinder, die beim Kita-Start kein Wort Deutsch sprechen, kommen häufiger zu uns als früher. Ein Teil der Integrationsarbeit in dieser Gesellschaft übernehmen wir in der Kita. Das sind nur einige Gründe, weshalb wir mehr Anerkennung fordern.