In sozialen Netzwerken zeigen sich Menschen auf Bildern von ihrer besten Seite. Doch beim Kommentieren bröckelt die Fassade. Viele schämen sich nicht, ihren Hass und ihre Vorurteile öffentlich im Internet zu teilen. Selbst ein Klarnamenzwang schreckt nicht ab

Ein junges Paar ist mit seinem Kind an Bord eines Segelschiffs für das Foto zusammengerückt. Die Sonne strahlt, das Paar lächelt, dahinter dunkelblau das Meer. "Ich werde der erste sein, der den Scheiterhaufen anzündet, auf dem du verbrennen sollst", schreibt Maxim, der junge Mann von dem Foto. "Selbst deine Augen sind die eines Junkies, du widerliches Stück Scheiße."

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Maxims Bild und das hasserfüllte Posting sind im russischen Netzwerk VKontakte erschienen, zu unterschiedlichen Gelegenheiten hat er beides dort eingestellt. Sein Hass richtet sich gegen Lena Klimowa. Postings wie seine erhält die Journalistin jeden Tag bis zu fünf.

Empörte drohen mit Mord und Gewalt

Klimowa lebt in Sibirien. 2013 gründete sie die Gruppe Kinder-404, die jungen Homosexuellen in Zusammenarbeit mit Psychologen Beratungen anbietet, wenn sie mit sich und ihrer Sexualität Probleme haben oder von ihrem sozialen Umfeld abgelehnt werden. Auf ihren Seiten auf Facebook und VKontakte veröffentlicht die Gruppe außerdem Briefe, in denen Menschen von Ausgrenzung und Diskriminierungen erzählen.

Der Name Kinder-404 spielt darauf an, dass Internetnutzer beim Aufrufen eines fehlerhaften Links den Code 404 erhalten: Diese Seite gibt es nicht. Homosexuelle Kinder? Existieren in Russland nicht, wenn man von der dort verbreiteten Annahme ausgeht, niemand könne von Natur aus schwul oder lesbisch sein.

Seit zwei Jahren steht "homosexuelle Propaganda" in Russland unter Strafe. Wer sich im Beisein von Kindern neutral oder positiv über Homosexualität äußert, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro rechnen. Das Gesetz schürt Hass gegen Lesben, Schwule und Transsexuelle. Im Netz finden sich Videos, die von offenem Schwulenhass zeugen. Als das US-amerikanische Institut NORC Ende 2014 mehr als 2.000 Menschen in Russland zu dem Thema befragte, gaben 51 Prozent an, sie wollten keine Schwulen und Lesben als Nachbarn haben.