Sie wohnen am Stadtrand und haben das Gefühl, dass das Zentrum sie vergessen hat. Rund 200 Bürger ziehen zu Wochenbeginn aus den Außenbezirken von Donezk vor eines der Regierungsgebäude der selbst ernannten Donezker Volksrepublik und verlangen eine Aussprache mit dem Republikschef Alexander Sachartschenko. Als die Behörden nicht reagieren, blockieren die Menschen die zentrale Artjom-Straße. Julia Wadimowna, 41, ist eine der Demonstranten. "Niemand hört uns zu, niemand nimmt unsere Probleme ernst", klagt sie. "Niemand beschützt uns."

Der Krieg in der Ostukraine ist von wechselnder Intensität: Mal flammt er an einem Ort auf, mal an einem anderen. Heraufbeschworene Großoffensiven bleiben aus, die große Eskalation findet nicht statt. Doch auch ein Krieg auf niedrigem Niveau hat seine Konstanten und Opfer.

Der Bezirk Oktjabrskij etwa, in dem Wadimowna und die meisten der anderen Protestierenden leben, liegt seit mehr als einem Jahr unter Beschuss. Er befindet sich am nördlichen Rand der Stadt, in der Nähe des Flughafens. Das Leid der Bürger begann hier am 26. Mai 2014, als die ukrainische Armee gegen die Besetzung des Flughafens durch prorussische Kämpfer militärisch vorging. "Seitdem hat es keinen Tag gegeben, an dem es ruhig war", sagt Alla Anatoliewna, 32, eine Bekannte Wadimownas.

Die beiden Frauen hat die Verzweiflung ins Zentrum von Donezk geführt. Im Bezirk werde geplündert, doch die Miliz zeige sich nicht, der Strom falle aus, die Läden seien geschlossen. Das Schlimmste: "Ständig werden wir bombardiert, ständig müssen wir uns verstecken." Die Separatisten nutzen Stellungen im Bezirk, um gegen Positionen der ukrainischen Armee hinter dem mittlerweile komplett zerstörten Flughafen vorzugehen. Bei den Gefechten wird immer wieder zivile Infrastruktur getroffen: Häuser, Schulen, Kindergärten.

Während am Stadtrand Menschen in Kellern sitzen, ist die Wirklichkeit im Zentrum eine andere. Man könnte fast glauben, Friede sei wieder im Donbass eingekehrt. Kinder fahren in Elektroautos über den Lenin-Platz, am Ufer des Flusses Kalmius picknicken Bürger im Gras und im Wasser paddeln Kanufahrer. "Die Leute im Zentrum leben gut, und wir kriegen alles ab. Aber wir sind doch auch Bürger der Stadt", sagt Alla Anatoliewna.

Viele der Anwesenden vor dem Regierungsgebäude fordern eine Feuerpause. Die Separatisten sollen ihre schweren Waffen aus dem Wohnbezirk entfernen, damit dieser nicht länger als Zielscheibe für Angriffe der Gegenseite diene. Andere wiederum befürworten eine Offensive der prorussischen Milizen: Die Kämpfer sollten die ukrainischen Truppen weiter abdrängen. "Bis in die Stadt Krasnoarmejsk", verlangt ein Mann, das ist mehrere Dutzend Kilometer weiter westlich. "Aber dort leben doch auch Menschen", entgegnet Julia Wadimowna.