Ein unerwarteter Todesfall, eine Krankheitsdiagnose, ein Unfall – in den ersten Stunden nach einem Unglück brauchen Menschen jemanden, der ihnen zur Seite steht, sie tröstet, ermutigt und vor allem, der ihnen zuhört. Seelsorger können das, nicht nur christliche, sondern auch muslimische.

"Der Begriff Seelsorge kommt im Koran nicht vor, sondern stammt aus christlicher Tradition", erklärt Rauf Ceylan, Professor für Religionssoziologie an der Universität Osnabrück. Doch die Praxis gebe es auch im Islam seit Jahrhunderten. Der seelische Beistand war in islamischen Ländern lange Aufgabe der Großfamilie. Ein Modell, das kaum zur Lebenswelt von Millionen von Muslimen in Europa passt. Umso größer ist der Bedarf an professionell ausgebildeten muslimischen Seelsorgern.

"Imame sind zwar schon in vielen theologischen und weltlichen Fragen wichtige Vertrauenspersonen ­– als Eheberater, als Streitschlichter, als Schuldnerberater. Wir dürfen sie aber nicht mit zu vielen Aufgaben überfrachten", sagt Ceylan. Es gibt auch zu wenige von ihnen, um allen seelischen Beistand leisten zu können, die ihn brauchen.

Umso wichtiger sind ehrenamtliche Initiativen geworden, die Menschen in Not in Krankenhäusern, am Telefon oder nach Unfällen begleiten. Immer mehr Bundesländer setzen muslimische Seelsorger in Gefängnissen ein, unter anderem um die Radikalisierung von Häftlingen zu verhindern. Auch die Bundeswehr sucht inzwischen nach muslimischen Seelsorgern für Rekruten mit Migrationshintergrund.

Viele dieser Projekte wurden in Kooperation mit christlichen Seelsorge-Einrichtungen gegründet. "Die muslimische Seelsorge ist ein Gewinn für uns alle. Es werden so Menschen erreicht, zu denen wir sonst durch sprachliche oder kulturelle Hürden kaum Zugang finden", sagt Christiane Kayales. Die evangelische Pastorin bildet seit 2012 in Hamburg muslimische Krankenhausseelsorger aus. Mit äußerst positiven Erfahrungen, wie sie sagt: Viele Patienten im Krankenhaus fühlten sich von Menschen mit gleicher Sprache und gleichem kulturellen Hintergrund besser verstanden. "Ich bin der Meinung, dass wir in unserer multikulturellen Gesellschaft Seelsorger aus allen Religionen und mit möglichst vielen kulturellen Hintergründen brauchen", sagt sie.

In England oder den Niederlanden ist die muslimische Seelsorge etabliert. Die Seelsorger sind dort an Krankenhäusern und Sozialeinrichtungen angestellt. Davon ist Deutschland weit entfernt. Zwar wächst die Zahl der Projekte, aber sie leben oft vom großen Engagement Einzelner und sind untereinander wenig vernetzt.

Anders als die christlichen Kollegen sind nur sehr wenige muslimische Seelsorger hauptamtlich tätig. Die meisten sind Ehrenamtliche und ihre Projekte sind auf die Finanzierung von christlichen oder staatlichen Organisationen angewiesen. In der Praxis hemmt das die Entwicklung. Nicht jeder kann und will ehrenamtlich tätig sein. Gerade qualifizierte Menschen schreckt dieses Modell ab.

Außerdem fehlen bisher einheitliche Ausbildungsstandards für die Seelsorger. "Man kann Menschen in so schwierigen Situationen nicht Freiwilligen ohne Erfahrung und Ausbildung überlassen", mahnt Kayales. Eine gründliche Schulung sei wichtig. Am Institut für Islamische Theologie der Uni Osnabrück wurde deshalb einen Masterstudiengang mit Schwerpunkt Muslimische Gemeindepädagogik und Seelsorge geschaffen. "Damit wollen wir diese Lücke nachhaltig füllen", sagt Ceylan. Bislang gebe es für sie aber nur vereinzelt feste Stellen in islamischen Gemeinden, christlichen und überkonfessionellen Sozialverbänden oder in Gemeinden und Kommunen. Bis die ersten Absolventen in der Praxis angekommen sind, werden Ehrenamtliche gebraucht.

Drei muslimische Seelsorger von ihnen schildern ihren Alltag: