Die Berliner Polizei hat die Mitführung exhumierter Flüchtlingsleichen auf einem für Sonntag geplanten Protestzug zum Kanzleramt untersagt. Die Aktivisten vom Zentrum für Politische Schönheit verbreiteten den auf den 19. Juni datierten Auflagenbescheid am heutigen Samstag auf Facebook.

Am vergangenen Dienstag hatten die Aktivisten – ebenfalls via Facebook – dazu aufgerufen, ihren Protestzug zu begleiten. Sie wollten mit dem "Marsch der Entschlossenen" am Kanzleramt den Grundstein für ein Friedhofsfeld als "Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas" legen – und zwar dabei tote Flüchtlinge aufbahren.

Aus dem Auflagenbescheid geht hervor, dass die Polizei der Gruppe untersagt, die Leichen bis vor das Kanzleramt zu bringen. Fahrzeuge, Särge oder ähnliche Behälter müssen die Veranstalter laut Bericht vor Versammlungsbeginn überprüfen lassen. Die Berliner Polizei sagte auf Anfrage, die Auflagen seien schon länger bekannt, ohne jedoch ein konkretes Datum zu nennen.

In ihrem Facebook-Eintrag schreiben die Aktivisten: "Ganz ohne Ironie bitten wir Euch um Folgendes: Geht NICHT massenhaft mit Särgen vors Kanzleramt! Organisiert Euch auf KEINEN Fall selbst, seid NICHT ungehorsam, seid NICHT kreativ, tragt auf KEINEN Fall selbst irgendeine Verantwortung, verselbständigt NICHT die Aktionen."

Die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz von der SPD, hatte die geplante Aktion bereits im Vorfeld kritisiert. "Bei allem Verständnis für die Wut der Aktivisten angesichts der vielen Tausend ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer, ein Spektakel mit Leichen zu inszenieren, überschreitet eine moralische Grenze", sagte die SPD-Politikerin der Welt. Kunst dürfe weh tun, sie dürfe sich auch drastischer Methoden bedienen, aber diese Aktion instrumentalisiere die Opfer.

Auch der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), kritisierte die Künstlergruppe: "Bei allem Respekt vor humanitärem Engagement: Mit solchen Aktionen werden Grenzen der Pietät überschritten", sagte Bosbach der Zeitung. Es sei bedauerlich, "dass das ebenso wichtige wie sensible Thema Flüchtlingsschutz auf diese Weise behandelt wird".

Am vergangenen Dienstag inszenierten die Aktivisten auf einem Berliner Friedhof das Begräbnis einer im Mittelmeer ertrunkenen Syrerin. Das war der Auftakt zu einer neuen Kampagne der Protestgruppe. Das Zentrum für Politische Schönheit bemüht sich darum, Flüchtlinge, die an den Außengrenzen der Europäischen Union ums Leben gekommen sind, zu exhumieren und nach Berlin zu bringen. Gemeinsam mit den Angehörigen wird dann entschieden, wie die Toten "würdevoll" bestattet werden sollen.

"Zentrum für Politische Schönheit" - Aktivisten setzen symbolisch ertrunkene Flüchtlinge bei "Die Toten kommen" nannte das "Zentrum für Politische Schönheit" seine Aktion, die es auch als Anklage gegen die deutschen Politiker verstanden wissen will. Auf einem Berliner Friedhof ließen sie im Juni ertrunkene Flüchtlinge begraben.

Zuletzt sorgte die Gruppe im Jahr 2014 mit einer Aktion für Diskussionen, bei der sie Gedenkkreuze für Berliner Maueropfer entwendete. Diese tauchten wenig später wieder auf, ebenso wie Fotos, welche die Kreuze gemeinsam mit Flüchtlingen an den Außengrenzen Europas zeigen.

Update: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es unter Berufung auf Polizeiangaben, der Auflagenbescheid habe dem Zentrum für Politische Schönheit schon seit mehreren Tagen vorgelegen. Das Fax mit dem Bescheid trägt aber das Datum 19. Juni. Die Berliner Polizei war für eine erneute Nachfrage telefonisch nicht mehr zu erreichen. Wir haben Überschrift und Artikel deshalb geändert.