Er zieht, doch die Tür geht nicht auf. Als ob sie jemand von innen zuhielte. So hatte sich Hisham Diab seine Ankunft in Deutschland nicht vorgestellt. Er steht vor der Notunterkunft für Flüchtlinge. Diab ist 44, ein kleiner Mann mit müden Augen in einem stoppelbärtigen Gesicht. Er zieht das rechte Bein ein bisschen nach. Er ist erschöpft, aber glücklich. Hinter ihm liegt eine 35-tägige Odyssee. Sie hat ihn, den Ernährer einer fünfköpfigen Familie, aus einem Flüchtlingslager im Libanon auf Umwegen nach Berlin gebracht.

Die Notunterkunft für Flüchtlinge ist seine erste Anlaufstelle. Sie liegt nur zehn Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt, aber versteckt zwischen Tennisplätzen und Fußballstadien. Beinahe hätte Diab sie nicht gefunden. Eine Kuppel wölbt sich über einer Fläche, die so groß ist wie ein Fußballfeld. Silbrig glänzt ihre Außenhaut im Licht der untergehenden Sonne. Das also ist das neue Heim? Man denkt an ein luftgepolstertes Ufo, das sich in diese Gegend verirrt hat.

Die Halle ist aufblasbar, das unterscheidet sie von anderen Notunterkünften. Berlin ist das erste Bundesland, das sie als Unterkunft für Menschen erprobt. Doch so einfach ist das nicht. Die Tür geht nicht auf, das liegt in der Natur der Sache. Diese Halle hält sich nur durch Überdruck. Eine Schleuse mit zwei Türen trennt das Drinnen vom Draußen. Man kann immer nur eine Tür öffnen. Sonst würde die Luft entweichen und die Unterkunft in sich zusammensacken wie ein schlapp gewordener Ballon.

Der Symbolgehalt dieser Szene erschließt sich erst, wenn man sich längere Zeit in dem Provisorium aufgehalten hat. Mit der Halle ist es wie mit dem Deutschlandbild, das sich ihre Bewohner gemalt haben: Es verliert seinen Zauber aus der Nähe.

"Herzlich willkommen" steht da auf einer Tafel, "Welcome" und "Salam Aleikum". Die Empfangshalle hat etwas von einer Kathedrale und am Boden ein bisschen Berlin-Mitte Flair, mit den schweren Ledersofas und dem Kicker-Tisch. Allerdings wirken die Bewohner nicht entspannt. Musik dröhnt den ganzen Tag aus einem Radio. Jungs in Trainingsanzügen und Flipflops sitzen auf dem Sofa und starren auf ihr Smartphone. Einige stehen draußen rauchend vor der Tür. Mehr als zwei Drittel der Bewohner sind Männer, die meisten kommen aus Syrien und dem Nahen Osten, so wie Hisham Diab. Sie sind zwischen 20 und Mitte 40 und fit genug, um die Strapazen einer wochenlangen Flucht zu überstehen.

Die Berliner Stadtmission hat die Halle möbliert, durchaus mit Liebe zum Detail. Es gibt eine Kinderspielecke mit einem Teppich mit Straßenmuster, Regale voll mit Spielen und Büchern, es gibt Steckdosen in den Schlafkabinen. Die sind wichtig, besonders zum Aufladen der Handys. "Wir haben den halben Ikea-Markt leer gekauft", sagt Ortrud Wohlwend, die Pressesprecherin der Stadtmission. Die aufblasbare Halle ist eines von 80 Projekten, mit denen sie Menschen am Rande der Gesellschaft auffängt.

Die Situation ist schwierig, daraus machen die Mitarbeiter keinen Hehl. Im Winter 2014 hatten sie schon eine kleinere Halle als Notunterkunft für Obdachlose erprobt. Doch die Flüchtlinge haben andere Bedürfnisse. Menschen aus allen Teilen der Erde auf Augenhöhe zu begegnen, die kein Wort Deutsch und zum Teil nicht mal Englisch sprechen, viele traumatisiert – wie soll das gehen?

Kurz nach 19 Uhr. Die Sonne ist gerade hinter dem Zelt verschwunden, da schwillt der Lärm an. Eine Gruppe von Flüchtlingen platzt herein, mit Rucksäcken und leichtem Gepäck. Stimmengewirr. Die einen kommen vom Balkan, die anderen aus Syrien. Eine Sozialarbeiterin will ihre Daten aufnehmen. Doch von den Arabern spricht keiner Englisch. Die Mitarbeiterin vom Empfang hat sich Bilal aus der Küche als Dolmetscher geholt. Der Palästinenser ist Anfang 20, er spricht perfekt Englisch. Bilal weiß, wie es den Neuen geht. Er kam selber erst vor einigen Monaten nach Berlin. Ein Flüchtling auch er.

Der Druck im Luftschloss Deutschland wächst. 13.000 Flüchtlinge kamen 2014 nach Berlin. Doppelt so viele werden bis Ende dieses Jahres erwartet. In den 60 Flüchtlingsheimen ist kein Platz mehr, der Wohnungsmarkt leer gefegt. In der Not besetzte das für die Unterbringung zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) schon Sporthallen. Doch auch hier regte sich Protest. Eltern und Vereine schrieben wütende Briefe. Im Luftschloss Deutschland gibt es vieles im Überfluss, aber eines nicht: genug Hallen für den Schul-und Vereinssport. Eine neue Lösung musste her.

Dann brachte Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU) die aufblasbare Traglufthalle ins Spiel – gegen den Widerstand der Opposition. Der Caredome, wie der Berliner Hersteller Paranet sein Patent nennt, war zwar um die Hälfte billiger als die Containersiedlungen, die das LaGeSo momentan plant. Aber konzipiert war es ursprünglich für die rein gewerbliche Nutzung. Als Flugzeughangar in Afrika, als Tennishalle in Norwegen oder als Schwimmhalle in Kuwait. Berlin war die erste Stadt, die die Halle für Flüchtlinge testete, Bayern zog nach. Bei Paranet heißt es, man verhandele mit der EU. Künftig soll der Caredome auch an den europäischen Außengrenzen stehen. In Berlin war er als Notlösung gedacht. Inzwischen hat das LaGeSo den Vertrag mit der Stadtmission bis Ende April 2016 verlängert.