Chancengleichheit und der Abbau jeglicher Diskriminierungen und Benachteiligungen spielen als politische Konzepte seit Längerem eine zentrale Rolle und gewinnen immer mehr an Bedeutung. Bildung, Arbeitsmarkt, Migration, Geschlechterverhältnisse und sexuelle Orientierungen bilden die wechselnden Gegenstände für solche Debatten.

Aktuell wird in der Öffentlichkeit die Debatte von einem lange vernachlässigten Thema her neu aufgerollt: von der vollständigen Inklusion von behinderten Menschen ins gesellschaftliche Leben. Ging es bis vor Kurzem nur um Behindertenintegration, etwa über eine partielle Integration ins reguläre Schulsystem, soll nunmehr, der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 folgend, jegliche Ungleichbehandlung überwunden werden. So bekundet es auch offiziell die deutsche Politik. 

Der Theologe Uwe Becker, ein Anwalt der Stärkung der Chancengleichheit, hat in seinem neuen Buch Die Inklusionslüge eine fulminante Kritik der seiner Meinung nach verlogenen und nicht zu Ende gedachten Debatte verfasst. Die Ankündigungen der Politik seien Worthülsen und versprechen mehr, als sie halten könnten. Die Inklusion scheitere bisher schon daran, dass Politiker und Steuerzahler kaum Geld in die Hand nehmen wollten. Denn wirkliche Chancengleichheit erfordere so weitreichende bauliche oder bildungspolitische Maßnahmen, dass das richtig teuer würde.

Echte Chancengleichheit, und zwar auch für nicht behinderte Verlierer im Bildungssystem und im Arbeitsmarkt, erfordere, so Becker, zudem eine Überwindung von Konkurrenz und Leistungsdenken – und damit womöglich des Kapitalismus. Denn Konkurrenz laufe nun einmal auf Ausgrenzung und nicht auf Solidarität hinaus. Ausschließlich Gewinner könne es im Wettbewerb nicht geben. Statt Benachteiligte wie Behinderte oder auch Bildungsverlierer erfolglos in die dominierende gesellschaftliche Funktionslogik hineinzuzwängen, sollte man besser diese Logik aufgeben. Das schließe auch die Wachstumsgesellschaft und die allgegenwärtige Fixierung auf den Faktor Erwerbsarbeit ein.

Kapitalismuskritik ist zu pauschal

Der Inklusionsdiskurs gibt Anregungen zur Chancengleichheit weit über den Behindertendiskurs hinaus. Analysen wie die von Becker sind ebenso unbequem wie treffend. Trotzdem muss manches hinterfragt werden. Menschenwürde, Freiheit und Rechtsgleichheit als Werte tragen in der Tat den zentralen Gedanken der Chancengleichheit: dass niemand aufgrund von Umständen, für die er nichts kann, benachteiligt werden soll. Aber die rechtlich garantierte Freiheit des einen muss eben mit der Freiheit des anderen durch politische Entscheidungen in Einklang gebracht werden. Und wer hohe Geldbeträge etwa für ein chancengleiches Bildungssystem fordert, muss sich auch mit den Auswirkungen auf die Freiheit der Steuerzahler auseinandersetzen.

Auch wer auf die Leistungsgesellschaft verzichten und sogar Kapitalismus und Globalisierung überwinden will, muss verschiedene Vor- und Nachteile abwägen. Wir alle sind über Arbeitsplätze, Konsumwünsche oder Pensionsfonds, die über Aktienpakete Eigentümer der Unternehmen sind, mehr oder minder mit der kapitalistischen Welt verflochten. Sozialleistungen etwa für Behinderte wiederum werden aus den staatlichen Steuereinnahmen bezahlt, die ohne die Leistungsgesellschaft vielleicht spärlicher vorhanden wären. Das sollte man offen diskutieren – genauso wie beispielsweise, wenn man aus Umweltgründen gegen Kapitalismus und Wachstum streitet.

Es geht allerdings nicht nur ums liebe Geld. Konkurrenz kann Existenzen vernichten, sie hat aber auch viel mit freier Entfaltung und Kreativität zu tun. Wären Menschen und Politik ausschließlich auf Kooperation ausgerichtet, wäre etwa die wirtschaftliche, wissenschaftliche und technische Entwicklung kaum so verlaufen, wie sie verlaufen ist. Und haben sich nicht selbst Künstler wie Michelangelo und Raffael durch Konkurrenz zu Höchstleistungen angestachelt?

Vollständige Inklusion wird eine schöne Utopie bleiben

Bauarbeiter oder Wissenschaftler?

Das macht die Kritik am Status quo keineswegs obsolet, ist aber immer mit zu bedenken. Zudem ist Chancengleichheit schon für sich allein genommen nicht leicht zu fassen, nicht nur für Behinderte, sondern auch für Bildungsverlierer. Der Autor etwa stammt aus einer Wissenschaftlerfamilie und aus Berlin. Der Vater eines türkischen Mitschülers, möge er Ali heißen, war Bauarbeiter. Als wir in der dritten Klasse einmal gefragt wurden, was wir später werden wollen, antwortete ich: Professor. Ali antwortete: Bauarbeiter. Heute haben wir beide unser Ziel erreicht. Aber ist das Chancengleichheit? Müssen Ali und Felix die gleiche Chance haben, ihren jeweiligen Plan umzusetzen – ebenso wie dann auch der kleine Emil, der gerne Fernsehmoderator oder Grafikdesigner werden möchte? Dies wäre ersichtlich sinnlos, weil diese Berufe ganz unterschiedlich schwierig zu erreichen sind. Und wie will man die verschiedenen Chancen überhaupt präzise vergleichen?

Oder ist gemeint, dass Ali, Felix und Emil die gleiche Chance haben müssen, Professor zu werden? Dies wäre schon bei Erstklässlern häufig (wenn auch sicherlich nicht immer) bereits eine uneinlösbare Forderung. Denn aufgrund der unterschiedlichen frühkindlichen Sozialisation mit ihrer strukturierenden Wirkung für das Gehirn könnte ich schon zu diesem Zeitpunkt einen nur schwer einholbaren Vorsprung vor Ali gehabt haben. Die abstrakt denkbare Lösung, dann eben die Kinder ihren Eltern wegzunehmen, wird niemand ernstlich wollen, auch wenn der große Platon dies einst propagiert hat. Und selbst dann bliebe zumindest das Problem ungleicher angeborener – vielleicht ja nicht ausschließlich erlernter – Begabungen bestehen.

Das alles ist kein Totschlagargument gegen konkrete Verbesserungen für Benachteiligte mit oder auch ohne Behinderungen. Das Gesagte macht aber doch deutlich, dass nicht nur Ignoranz im Spiel ist, wenn es mit dem vollständigen Abbau von Diskriminierungen manchmal hakt. Dass jemand mit Trisomie 21 nichts für seine Krankheit kann und Unterstützung verdient, ist hundertprozentig richtig. Doch jede noch so beherzte Inklusionsforderung wird ihm keine gleichen Chancen verschaffen, Professor zu werden. Und auch das vermeintlich schöne Menschen im Leben oft mehr Chancen haben und dies beispielsweise körperlich Behinderte oft benachteiligt, wird keine noch so beherzte Forderung nach Inklusion aus der Welt schaffen lassen.

Konkrete Verbesserungen sind möglich, doch eine vollständige Inklusion wird fast zwangsläufig eine Utopie bleiben. Sogar dieser bescheidene, konkrete Ansatz muss Durchsetzungsprobleme befürchten. Denn nicht immer tun wir alle das ganz praktisch, was wir theoretisch richtig finden – oft folgen wir doch eher seltsamen, mitunter erschreckenden, menschheitsgeschichtlich eingeprägten Instinkten.

Menschen definieren sich über Gruppen

Wer Benachteiligte in jeglichen Lebensbereichen nicht diskriminieren möchte, zielt letztlich auf eine weitgehende Aufhebung von Unterschieden ab. Doch Menschen bilden Gruppen und definieren sich emotional oft über diese Abgrenzungen, wie etwa der Soziologe Pierre Bourdieu gezeigt hat. Das kann Völker betreffen, Fans verschiedener Fußballvereine, Menschen verschiedener sozialer Hintergründe, die alte und die junge Generation, Männer und Frauen – und im Behindertenkontext etwa Taubstumme und Nicht-Taubstumme.

Identität, die uns allen lieb und teuer ist, und Inklusion können damit in eine heikle Spannung zueinander geraten. Sogar über Diskriminierungen zu sprechen, kann schwierig werden, wenn wir beispielsweise die Sprache konsequent nicht diskriminierend zu nutzen versuchen. Darf ein Taubstummer wirklich als behindert bezeichnet werden, oder lebt er einfach nur in einer anderen Welt als die Mehrheit der Mitmenschen? Solche Diskurse müssen offener und ehrlicher als bisher geführt werden – auch wenn vielleicht nicht alle Probleme lösbar sind.