Wer die Bundesbürger mal wieder der Politikferne bezichtigt und beklagt, dass sie sich in die Privatsphäre und eine selbstzufriedene Neo-Biedermeierei zurückziehen, hat sich getäuscht. Zwar sind die Themen und die Modi, in denen sich politischer Willen artikuliert, anders als 1968 oder in den friedensbewegten achtziger Jahren, aber es regt sich etwas – vor allem ökologisch und sozial.

Das ist zumindest das Ergebnis einer neuen Studie (Progressive Politik in pragmatischen Zeiten: Politische Narrative gesellschaftlichen Wandels), die im Auftrag des denkwerk demokratie erhoben wurde. Mit politischen Narrativen sind Trends gemeint, die bei einer großen Zahl an Bürgern gut ankommen, von Politik und Qualitätsmedien aber zu wenig zur Kenntnis genommen werden. Die Forscher haben untersucht, in welchen Feldern die Menschen bereit sind, etwas zu ändern oder eine Änderung einzufordern – jenseits der politisch-medialen Elitenarena. Dazu werteten sie Regionalzeitungen, Magazine aus der Kulturszene, Blogs und soziale Netzwerke aus.

Das Ergebnis: Eine Vielzahl von Bürgern ist engagiert, aber meist in lokalen, kleinen Projekten. Dem pragmatischen Regierungsstil der Kanzlerin sei eine Generation gefolgt, die sich in realistischer Weise für kleine Ziele stark mache. Sie kämpfe nicht für eine neue Gesellschaft, setze sich aber für gemeinwohlorientierte Projekte ein. Auffällig ist, dass viele ihr eigenes Engagement zwar als progressiv empfinden, es aber defensiv betreiben: Sie wollen weniger Auto fahren, weniger Müll produzieren, weniger konsumieren, weniger arbeiten.


Das Zuviel verringern

Es scheint nicht nur eine postmaterialistische Einstellung zu sein, die sich hier artikuliert, sondern eine Haltung, die bewusst und umfassend nach Reduktion sucht. Die Menschen wollen ein Zuviel verringern, nicht nur an materiellen Gütern, sondern auch an Optionen, an Beziehungen und Kontakten. Sie fliehen in ihre Kieze und Dörfer, zumindest als Wochenend-Oasen. Ein Phänomen ist der sagenhafte Erfolg des Magazins Landlust. Den heute politisch Aktiven scheint weniger ein revolutionär-vorwärtsstrebender als ein überprüfender, sondierender, aussortierender Charakter zu eigen zu sein. Schlecht muss das nicht sein, stellen die Forscher fest.

Ein Kernbereich, in dem für einen gesellschaftlichen Wandel gekämpft wird, lässt sich unter dem Begriff "Rückeroberung des Stadtraums" zusammenfassen. Projekte wie Recht auf Stadt, Stadt von Unten, Hack your City, Reclaiming the City sowie diverse Urban-Gardening-Initiativen und Spielstraßen sind Beispiele dafür. Der Begriff Copenhagenize macht sichtbar, wie sehr die dänische Hauptstadt zum Symbol und progressivem Sehnsuchtsort postmoderner Urbanität geworden ist. Auch hier überwiegt das Stadtteilprojekt gegenüber der großen Vision.

Der Wunsch nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Arbeit ist ein anderer Kernbereich. Viele Deutsche wollen hier etwas ändern: 87 Prozent der Frauen zwischen 18 und 35 sagen, "dass an gerechten Chancen unabhängig vom Geschlecht noch gearbeitet werden muss". Der Wunsch ist groß, nicht ständig im Büro präsent sein zu müssen (Home Office) sowie Arbeit und Leben einen neuen Rhythmus zu geben. Das wünschen nicht nur die Frauen. Die Forscher stellen insgesamt eine "gestiegene gesellschaftliche Akzeptanz für eine Vielfalt moderner Lebensformen" fest.