Jetzt randalieren die Rechtsextremisten wieder vor Flüchtlingsunterkünften. In Hoyerswerda, in Freital, in Heidenau bei Dresden. Und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich behauptet: Diese Krawallmacher stehen nicht für Sachsen.

Doch er vergisst, da ist ein Resonanzboden, den jene nationalistischen Pöbler zum Schwingen bringen. Und dieser Resonanzboden gehört zu Sachsen. Ihn bilden jene, die bei Krawall dabei stehen, die Gewalt vor den Flüchtlingsquartieren billigen und sogar applaudieren. Zu Sachsen gehört auch die Unfähigkeit vieler Menschen, sich von Ausländerhassern zu distanzieren, eine politische Ignoranz, die Rassisten erstarken lässt.

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Sie erklären nicht alles, was in den vergangenen Monaten in Sachsen vorgefallen ist. Und natürlich sind nicht alle Sachsen Ausländerfeinde und Sachsen ist nicht gleich Sachsen. Das bürgerliche Leipzig unterscheidet sich in vieler Hinsicht vom monarchisch-kulturell geprägten Dresden. Aber eines scheint gewiss: Im Freistaat ist der Boden für die Feinde der Demokratie, für Ausländerhass und Toleranz von Vorurteilen so gut wie kaum anderswo in Deutschland. Dresden ist die Hauptstadt der Pegida-Bewegung, unter Pegida wurde den Ruf der Montagsdemonstranten "Wir sind das Volk" von der basisdemokratischen zur völkischen Parole. Die geistig verwandte NPD kam 2004 auf neun Prozent, ihre Abgeordneten sitzen in vielen Provinz-Gemeinderäten und die Skinheads Sächsische Schweiz sind zwar seit 2001 verboten, ihr rechtsextremistischer Ungeist wirkt aber vielerorts weiter.

Auch Tillich ist ein Grund für diese Entwicklungen. Nachdem Bundespräsident Christian Wulff und Kanzlerin Angela Merkel schon vor Jahren betontet hatten, der Islam gehöre zu Deutschland, widersprach Tillich 2015 seinen Parteikollegen und sagte, der Islam gehöre nicht zu Sachsen. Das stärkte das Selbstbewusstsein der Freistaatsbewohner gegen "die da in Berlin" und lockte zugleich Pegida aus den Löchern. Tillichs Innenminister Markus Ulbig sprach sich für eine Sonderbehörde von Polizei und Justiz für kriminelle Ausländer aus. Und Sachsens CDU-Generalskretär Michael Kretschmer übernahm auf Twitter jüngst den Duktus der Ausländerfeinde: "800.000 Flüchtlinge – das sind zu viele". Der Resonanzboden begann stärker zu schwingen.

Hinzu kommt in Sachsen ein Effekt aus der jüngeren Geschichte: Als der Freudentaumel der friedlichen Revolution 1990 abgeklungen war, fühlten sich viele als Deutsche zweiter Klasse. Weil sie das Versprechen blühender Landschaften bis heute nicht erfüllt sehen, ist die Bereitschaft gering, anderen Benachteiligten – den Flüchtlingen aus Bürgerkriegsländern oder der armen Balkanregion – die Tür zu öffnen. Die NPD hat das für ihre Wahlerfolge der vergangenen Jahre gezielt ausnutzen können. Und "wenn das Umfeld rechtsextremer wird, zieht die Bevölkerung nach, indem sie vorurteilslastiger wird oder Rechtsextremismus normaler findet", sagt der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick, der diesen Effekt in einer 2011 abgeschlossenen Studie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nachgewiesen hat. Anders lief das etwa im benachbarten Brandenburg. Die Regierung dort habe durch "gezielte Kriminalprävention" verhindern können, dass sich Rechtsextremisten gesellschaftlich verankern, sagt Zick.

Daneben gilt, dass sich Sachsen ungern vorschreiben lassen, mit wem sie reden dürfen und mit wem nicht. Den Dialog mit allen Seiten feiern sie als eine Errungenschaft der Wendezeit. Vor den Flüchtlingswohnheimen ist es für viele Sachsen opportun, sich auch die Parolen von Ausländerfeinden anzuhören, statt sich abzuwenden oder eine Gegendemonstration zu organisieren. 

Wer dagegen zwischen Leipzig, Plauen und Görlitz öffentlich Ausländerhass und Demokratiedefizite beklagt, gilt vor allem in den Rathäusern schnell als Nestbeschmutzer. Sächsische Anti-Rechts-Initiativen klagen über fehlende Unterstützung. So zog sich zum Beispiel die Sächsische Staatskanzlei aus der Jury des Förderpreises für Demokratie und Toleranz zurück.

Jahrelang verwaltet durch "König Kurt"

Und dann ist da noch die These vom "Tal der Ahnungslosen", in das schon vor 1990 kein Westfernsehen reichte. Sie besagt, dass in anderen Teilen der DDR Sendungen wie die Tagesschau den Zuschauern ein kleines Fenster zur Welt eröffneten. Auch in der Lindenstraße sahen sie, dass es kein Problem ist, dass Menschen aus der Türkei zum deutschen Alltag gehören. Den Sachsen fehlte das, denn in den meisten Haushalten waren nur die Ostberliner Staatssender zu empfangen, deren Weltsicht im Kreml oder in Havanna endete. "Menschen erleben Weltoffenheit in Medien stellvertretend", sagt der Konfliktforscher Zick und führt eine Studie aus Großbritannien an. Dass sich eine solche Prägung auch in die Nachfolgegeneration fortpflanzt, ist soziologisch nachweisbar.

Auch in den Jahren nach der Wiedervereinigung sahen die Sachsen lange Zeit kein Problem darin, von einer Art Obrigkeit verwaltet zu werden: Der wirtschaftsaffine West-Import Kurt Biedenkopf war für viele während seiner Amtszeit als Regierungschef "König Kurt". Die Krone ist seit August des Starken in Dresden allgegenwärtig, sogar auf dem Dienstsitz des Ministerpräsidenten. Das Selbstbewusstsein der Elbtalbewohner speist sich aus dem Funkeln der einstigen Residenzstadt. Schon kurz nach der Wende wehten hier wieder weiß-grüne Fahnen. Biedenkopf ließ das Volk hoffen, Sachsen werde nach den dunklen Kommunistenjahrzehnten zum Glanz der Vorkriegszeit zurückfinden. Fortan konnte seine CDU in einer Art Einparteiensystem herrschen, die Sachsen gewöhnten sich daran, dass eine Partei die Probleme des Landes löst. Seit sich zeigt, dass die Flüchtlingskrise auch Tillichs CDU überfordert, "haben sie das Gefühl, gegen die gesamte politische Klasse rebellieren zu müssen", sagt der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt. Das lässt sich auch in Heidenau erkennen.

Auf politische Debatten reagieren viele Sachsen eher gleichgültig. "Demokratie wird von der Bevölkerung als von oben herab empfunden", sagt Zick. Die zahlreichen Wahlverweigerer im Land akzeptieren sie nur in ihrer Reinform, der direkten Volksabstimmung. In einem Bundesländer-Ranking der Konrad-Adenauer-Stiftung zur politischen Bildung (Seite 48) an Schulen landete das Pisa-Spitzen-Land auf dem letzten Platz. Denn Gemeinschaftskunde unterrichten hier Lehrer, von denen ein Teil die die parlamentarische Demokratie vielleicht nicht richtig verstanden hat. Gespräche am Rande von  Pegida-Demonstrationen haben gezeigt: Es herrscht jede Menge Empörung, aber es gibt keinen Streit. Denn beim Streiten müsste man die Meinung des anderen akzeptieren, aushalten oder das Gegenüber mit seinen Argumenten überzeugen. Die Empörungssachsen reklamieren zwar Meinungsfreiheit – aber immer nur für ihre persönliche Sichtweise. Einen Dialog führen sie nur mit jenen, die ihnen bereits zugestimmt haben

Auch der unter den Wutbürgern gepflegte Frust auf die sogenannte "Lügenpresse" hat in Sachsen eine eigene Geschichte. Nachdem 1997 im Freibad Sebnitz der Sohn einer deutsch-irakischen Apothekerfamilie ertrunken war, titelten viele Medien mit "rassistischem Mord" – denn die Mutter hatte Journalisten erzählt, Neonazis hätten den Jungen getötet. Das aber war gelogen. Die Falschberichte schädigten den Ruf der Presse nachhaltig und förderten die Mythenbildung. Bis heute hält sich der Annahme, Redakteuren werde eine Meinung von ihren Chefs vorgegeben. Die häufig gestellte Frage "Wer entscheidet eigentlich, was ihr schreiben dürft?", zeigt, wie wenig über die Funktionsweise von Redaktionen bekannt ist.

Bürgerkriegsflüchtlinge durch US-Bomben

Begünstigt wird der radikale Auswuchs in Sachsen auch durch das Gefühl, kurz vor Kriegsende 1945 Opfer westlicher Aggression geworden zu sein, als am 13. Februar alliierte Bomben auf Dresden fielen. Viele Sachsen verübeln den USA, dass sie heute in jenen Staaten des Nahen Ostens den "Islamischen Staat" bombardieren, aus denen die Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland drängen. Dem Kriegstreiber in der Ukraine, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, begegnen viele dagegen mit Milde, wegen der früheren Bindung der DDR an die Sowjetunion.

Die NPD verstärkt in Sachsen diesen Opfer-Mythos, indem sie den Jahrestag der Bombardierung seit Jahren für Aufmärsche missbraucht. Wer diese Menschenfänger-Demonstrationen miterlebt hat, steht womöglich jetzt vor den Flüchtlingsunterkünften von Freital, Heidenau oder Hoyerswerda – und lässt die Rassisten gewähren.