Als auf der Pressekonferenz am späten Samstagabend die dritte Frage zu den wiederverheirateten Geschiedenen gestellt wird, verliert Wiens Erzbischof Christoph Schönborn, immerhin ein Kardinal mit adeliger Herkunft, die Contenance. Ob es keine wichtigeren Anliegen zu Ehe und Familie gebe, fährt er die Journalisten an. "Niemand von Ihnen hat auch nur eine einzige Frage zu Flüchtlingen gestellt", redet sich der Kirchenmann in Rage. Und das, obwohl gerade diese Menschen mit ihren Handys verzweifelt den Kontakt zu ihren Kindern, Eltern und Ehepartnern in der Heimat hielten. Flüchtlinge als wahre Hüter der Familie – für einen Moment herrscht Stille im Saal.

Viele Journalisten hätten den Teilnehmern der katholischen Familiensynode eine ähnliche Frage gern schon viel früher gestellt. Draußen brennt die Welt. Doch in den ehrwürdigen Gemäuern des Vatikan produzieren katholische Würdenträger drei Wochen lange jede Menge Papier und zahlreiche Peinlichkeiten. Am Ende kommt ein Schriftstück heraus, das kaum eine Familien-Frage alltagstauglich beantwortet. War das den Aufwand wert?

Das finale Papier preist die Überlebensnotwendigkeit der Familie, die Unauflöslichkeit der Ehe und geht im dritten Teil ausführlich auf "schwierige Lebenssituationen" ein. Von konkreten Vorschlägen, die es zum Beispiel in der deutschsprachigen Arbeitsgruppe für eine Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten gab, ist am Schluss wenig geblieben.

Kurz nach der Abstimmung eilten die meisten Bischöfe und Kardinäle wortlos vorbei an dem umzäunten Bereich vor der Aula, in dem Journalisten wie Schäfchen gehalten wurden. Jetzt sollten die Schäfchen erst einmal das 33-Seiten-Papier in italienischer Sprache verdauen, um auf den Pressekonferenzen am späten Abend die aus Sicht der Bischöfe richtigen Fragen zu stellen: Gibt es überhaupt eine andere Institution weltweit, die sich so intensiv mit der Familie beschäftigt? Hat sich die katholische Kirche nicht um Verständnis für alle bemüht? Sind Bischöfe nicht lernfähige Hirten?

Doch die Haupt-Fragen der Journalisten blieben andere: Geht ein Ruck durch die Kirche, der den Aufwand rechtfertigt? Finden sich in dem Dokument wenigstens Spurenelemente einer franziskanischen Revolution? Wandelt sich tatsächlich etwas außer der Wortwahl? Im November 2013 hatte Papst Franziskus die Gläubigen befragt, wie sie es mit der katholischen Lehre zu Ehe und Familie halten. Die Ergebnisse waren erschütternd: Eine überwältigende Mehrheit der teilnehmenden Katholiken weltweit kannte die Lehre entweder nicht oder ignorierte sie. Sie leben unverheiratet zusammen, haben Sex vor und neben der Ehe und verhüten mit Pille oder Kondom. Nach den strengen Maßstäben der Doktrin heißt das: Eine Mehrheit der Getauften verharrt in "irregulären Verhältnissen", aber kaum jemand fühlt sich sündig dabei.

Das sei weniger das Problem der Katholiken an der Basis als das der Hierarchen, befand Franziskus und verdonnerte die Bischöfe im vergangenen Jahr zu einer ersten Familiensynode. Immer wieder predigte er, die Kirche müsse bescheidener werden. Die Bischöfe sprechen nun mehrheitlich von einer "Berufung" zur Familie, halten also offenbar ihre eigene Berufung zum zölibatären Leben nicht mehr für höherwertig. Sogar Partnerschaften ohne Trauschein können sie etwas Gutes abgewinnen und stimmen keine Höllenpredigten mehr an, wenn Ehen zerbrechen oder Kinder unehelich gezeugt werden. Sag mir, wo die Sünder sind, jammern konservative Stimmen.