Manchmal fühle ich mich den Ossis ganz nah. Von vielen, die heute so alt sind wie ich, aufgewachsen in beiden Deutschlanden, weiß ich, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich: nicht durch Geburt deutsche Staatsbürgerin, das Kind von Türken, von Quasi-Wirtschaftsflüchtlingen. Nur, dass meine Eltern im Unterschied zu vielen anderen heute eine Einladung in der Tasche hatten und als Gastarbeiter die deutsche Wirtschaft mitankurbeln sollten; die selbst Kinder von Türken waren, Enkel von Osmanen, aufgewachsen hinter dem Eisernen Vorhang Bulgariens.

Ich weiß, liebe Heidenauer, liebe Freitaler und wo ihr Angsterfüllten alle wohnt. Mir wird auch schwindelig. Aber es ist nun mal, wie es ist. Es gibt kein Anrecht auf Klarheit und Eindeutigkeit, am wenigsten, wenn es um Identität geht.

Wir haben vieles gemeinsam. Wie Eure Familien kennen viele unserer Familien auch Umbrüche aus ihren Ländern, auch wenn es sich nicht immer um eine Diktatur handelte. Auch die alten Einwanderer mussten ganz von vorne anfangen. Alles, was sie bis zu ihrer Ankunft in Deutschland zu wissen glaubten, war nicht mehr viel wert. Weder die Sprachen, die sie in der Schule gelernt hatten, noch ihre Berufsabschlüsse (wenn sie denn welche hatten). Sie glaubten nicht mehr daran, dass es für sie und ihre Kinder eine Zukunft geben würde in der alten Heimat. Sie nahmen es hin, dass ihre Biografien Brüche durch die Auswanderung oder die Flucht bekamen. Sie nahmen es auch hin, dass ihre Kinder sie schwach erlebten, dann und wann, es ging nicht anders.

Bürger zweiter Klasse

So war es bei Euch auch. Es gibt noch eine weitere Erfahrung, die die alten Migranten und die Ossis teilen: Egal, um was es ging, wir mussten uns ganz schön beeilen und anstrengen, um die Wessi-Deutschen einzuholen. Na ja, oft war es ja eher ein Hinterherhecheln. Aber häufig ist es ja auch geglückt. In gewisser Weise hatten wir Einwanderer es sogar etwas einfacher als Ihr. Wir waren halt die Türken, Griechen und Araber, aber ihr wart ja schon Deutsche, von euch verlangte man gleich, dass ihr alles super hinkriegt. Dabei wart Ihr ja eigentlich auch Einwanderer. Hatten wir nicht beide oft das Gefühl, dass uns die Wessis wie Bürger zweiter Klasse behandeln, von oben herab? 

Trotzdem haben Wessis und Ossis vor 25 Jahren etwas Einzigartiges auf der Welt geschafft. Sie haben sich wieder vereinigt. Diese Wiedervereinigung, so weit ich das als Zaungast beurteilen kann, ist ein ziemlich krasser Job gewesen. Sie ist nicht schön, noch ist sie hässlich, aber die wenigsten wollen sie missen. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern: Wir haben damals die Bilder im Fernsehen gesehen und den Schmerz und die Freude spüren können, allein durchs Zugucken. Ich verstand, 12-jährig, nicht viel. Die DDR war ein dunkler Ort, ganz weit weg, aber meine Eltern freuten sich "für die Deutschen".

Und als wir im Sommer darauf mal wieder mit dem Auto in die Türkei fuhren, in den Ferien, da standen viele Angehörige der türkischen Minderheit aus Bulgarien an der Grenze zur Türkei. Da konnten wir den Schmerz, den der Kalte Krieg zu seinem Ende hin noch anrichtete, ganz nah spüren. Die Führung in Bulgarien war dabei, die ganzen ethnischen Türken rauszuschmeißen. Da standen sie, in langen Reihen mit Lkw, auf denen ihr ganzes Hab und Gut geladen war. Waschmaschinen, Fernseher, Möbel. Meine Mutter weinte. Es waren ihre Landsleute, die vertrieben wurden, während sie es so gut hatte in Almanya.

Nein, Ihr Deutschen, Ihr habt da etwas ganz Großes hinbekommen. Auch wenn noch nicht alles perfekt ist und noch nicht gleichberechtigt und viel rumgenörgelt und über den jeweils anderen gelästert wird. Es ist doch alles in allem ganz gut für Euch gelaufen. Nur, leider habt Ihr uns vergessen bei Eurer schönen Einheit. Ihr habt uns nicht gemeint und uns wieder zu Ausländern gemacht. Dabei waren wir schon längst Wessis. Länger als Ihr.