Jüdische Gemeinde im niederländischen Deventer © Joker/dpa

Jetzt also auch Amstelveen. Montagabend, 12. Oktober: Das Foyer des Rathauses in dem Städtchen vor den Toren von Amsterdam ist gut besucht. Einige Hundert Bürger, die Gemeinderatsmitglieder und Dezernenten, alle sind gekommen zu einem eilig organisierten infoavond, wie es siein den letzten Wochen so oftgibt in diesem Land. Die Bürgermeisterin, Mirjam van 't Veld, hält eine Ansprache: "Lassen wir gemeinsam auch mit diesen Leuten tun, was wir immer getan haben mit Menschen von allerlei Nationalitäten."

Besorgte Bürger, die Skepsis oder Unmut äußern über eine geplante Unterkunft für Flüchtlinge, mühsame Kommunikation zwischen Kommunen und ihren Bewohnern – das ist auch in den Niederlanden ein häufiges Bild in diesem Herbst. Amstelveen aber sticht aus der Reihe heraus. Nicht nur, weil der Abend im Rathaus ruhig und ohne Störung verläuft. Was Amstelveen, das Städtchen von knapp 90.000 Einwohnern besonders macht, ist seine Bevölkerung: Hier, vor allem im Quartier Buitenveldert, wohnt ein guter Teil der 50.000 niederländischen Juden. Das leer stehende Bürogebäude, in dem der Gemeinderat über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren 400 Flüchtlinge vorübergehend unterbringen will, ist davon gerade einmal zwei Kilometer entfernt.

Seit dieser Plan vor einigen Tagen bekannt wurde, werden in Amstelveen und darüber hinaus Bedenken laut. So etwa beim Centraal Joods Overleg, einem Verbund niederländisch-jüdischer Organisationen, der den Standort "unglücklich gewählt" nennt. Warum? Buitenveldert, heißt es in einer Stellungnahme, sei "der einzige Ort in den Niederlanden mit einer deutlich sicht- und erkennbaren jüdischen Gemeinschaft mit mehreren Synagogen, Schulen, koscheren Restaurants und Geschäften und einem jüdischen Friedhof".

"Gehirnwäsche zur Abneigung gegen Juden"

Nun ist Buitenveldert zwar nicht mit jüdischen Vierteln in Antwerpen oder Nord-London zu vergleichen, doch eine entsprechende jüdische Infrastruktur gibt es tatsächlich nirgendwo anders im Land. Das einstige jüdische Quartier im Zentrum hat, mit Ausnahme der portugiesischen Synagoge, vor allem musealen Charakter. Ron van der Wieken, CJO-Vorsitzender, macht diese Konstellation Sorgen: "Man muss nach Problemen fragen, wenn man Flüchtlinge aus einem Land, in dem sie von Geburt an einer Gehirnwäsche zur Abneigung gegen Juden unterzogen werden, zwischen Synagogen unterbringt, in einer Gegend, in der Kinder mit Kippa über die Straße gehen."

Just Menschen, die äußerlich als Juden erkennbar sind, werden in den letzten Jahren in den Niederlanden immer häufiger in der Öffentlichkeit belästigt oder bedroht. Die Statistiken verzeichnen von 2013 zu 2014 eine Zunahme von 100 auf 171 antisemitische Vorfälle. Die Zahl körperlicher Angriffe stieg von drei auf sechs. Vielfach sind die Täter junge Muslime. Die meisten dieser Vorfälle wurden während des Gaza-Kriegs gemeldet – eine Tatsache, die hinsichtlich der aktuellen Eskalation im Nahen Osten brisant ist. Im Rahmen einer Gaza-Demonstration in Den Haag wurde 2014 auch die Parole "Tod den Juden" skandiert und dazu aufgerufen, alle Juden zu ermorden.

Erhöhtes Anschlagsrisiko

Solche Entwicklungen bilden den Hintergrund zur Besorgnis über die Pläne in Amstelveen. In der Knappheit eines Tweets bringt es der Schriftsteller Leon de Winter auf den Punkt: "Syrer sind mit Judenhass aufgewachsen. Die Chance auf judenhassende syrische Migranten? Hoch. Bitte kein Selbstbetrug hierbei." Auch die Warnung des Nationalen Koordinators für Terrorismus- Bekämpfung und Sicherheit (NCTV) klingt vielen in den Ohren, wonach für jüdische Einrichtungen in den Niederlanden ein erhöhtes Anschlagsrisiko gilt. Seit dem Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel stehen sie seither permanent unter besonderer Bewachung.

Im Stadthaus von Amstelveen will man nun einerseits im engen Dialog mit den Bürgern bleiben, andererseits die Verhandlungen mit dem Gebäude- Eigentümer und der Behörde weiterführen, die für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständig ist. Ein Sprecher der Kommune sagte ZEIT ONLINE, über den Zeitpunkt eines möglichen Bezugs könne man noch keine Angaben machen. Die Besorgnis begreife man natürlich. "Wir dürfen nicht unsere Augen verschließen vor Entwicklungen in der Gesellschaft. Gleichzeitig müssen wir unserer Verantwortung für Flüchtlinge aus Kriegsgebieten nachkommen."

Jüdische Organisationen wie das CJO erwarten nun vom Stadtrat eine Antwort auf die Frage, wie man die Sicherheit jüdischer Einrichtungen garantieren wolle. Die Amsterdamer jüdische Gemeinde (NIHS) schließt sich dieser Forderung an. Nach einem Treffen zwischen jüdischen- und kommunalen Vertretern erklärt sie sich zudem bereit, sich an der Integration von Flüchtlingen zu beteiligen. Dazu wolle man mit den Bewohnern des Flüchtlingszentrums "über die tolerante und pluriforme Gesellschaft sprechen, wobei es auch um religiöse Überzeugung gehen wird".