Ein Helfer gibt Flüchtlingen in Hanau Deutschunterricht. (Archivbild) © Kai Pfaffenbach/Reuters

In das ehemalige Rathaus im Berliner Bezirk Wilmersdorf kommt dieser Tage niemand ungesehen. Die Securitymänner an den Eingängen registrieren jeden Besucher genau, bevor er weitergelassen wird, und zwar in Richtung "erste Tür links". Hinter dieser Tür liegt die Registrierungsstelle für Ehrenamtliche. Hier bekommt jeder der Freiwilligen einen Ausweis mit Bändchen um den Hals gehängt. Ohne den geht es nicht weiter in der Notunterkunft, die hier vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und von den Freiwilligen der Initiativen Willkommen in Wilmersdorf und Berlin hilft LaGeSo betrieben wird.

Heute arbeiten die Freiwilligen Maike und Lena in dem kleinen Büro. Sie notieren die Namen und Sprachen der Dolmetscher, vergeben die Bändchen, sprechen mit neuen Helfern. An den Wänden hängen die Pläne für ärztliche Sprechstunden, Duschzeiten, Deutschunterricht. Lena und Maike kennen sich bereits – das ist bei den 300 freiwilligen Helfern, die hier pro Tag in wechselnder Formation vorbeischauen, nicht die Regel. Auch wenn der ASB hauptamtlicher Träger ist, organisieren sich die Freiwilligen selbst. Über das Internet tragen sie sich per Organigramm für Schichten ein: Spenden annehmen, übersetzen, Essen verteilen. Manche kommen spontan für einen Tag und dann nie wieder. Andere wie Maike sind regelmäßig hier. Mindestens einmal pro Woche, erzählt die junge Frau, Donnerstag sei ihr fester Tag. Möglich sei das, weil sie im Betrieb ihrer Eltern angestellt ist. Lena ist in Elternzeit. Auf dem linken Arm der Sozialarbeiterin schaukelt ein Neugeborenes, mit der rechten Hand schreibt sie.

Am Mittwochabend fand Angela Merkel im TV-Gespräch mit Anne Will deutliche Worte. "Es liegt nicht in meiner Macht", stellte die Kanzlerin fest. Merkel machte klar, dass sie keine Chance sieht, Menschen an der Flucht zu hindern, solange die Ursachen dieser Flucht nicht bekämpft würden. Und ohne die Mitwirkung aller gehe es nicht. Aus dem Ich ist ein Wir geworden. Ein Wir, das sich ganz deutlich auf die Freiwilligen stützt, die sich derzeit in großen Mengen zu ehrenamtlichen Initiativen zusammenschließen.

Er spricht Farsi!

Was die Bundeskanzlerin im Fernsehen formulierte, ist für die Helfer im Rathaus Wilmersdorf schon lange klar. Hier im Büro, wo alle paar Minuten jemand ruft "Farsi? Haben wir jemand, der dolmetscht?", merkt man das sehr deutlich. "Was die Politik zu unserem Engagement sagt, interessiert mich eigentlich wenig", sagt Maike auf die Frage nach Merkels Auftritt. Sie habe in ihrer neuen Tätigkeit etwas gefunden, das ihr viel bedeute: Sinnstiftung. Mit dieser Ansicht ist sie nicht allein.

Der hauptamtliche Träger ASB beschäftigt hier elf Menschen. Die Arbeit, die Hunderte Freiwillige täglich leisten, hat inzwischen Dimensionen angenommen, die die Kategorie Ehrenamt eigentlich sprengen. Hier übersetzt zum Beispiel die 16-jährige Malak Arabisch und Deutsch, bis zu sechs Tage die Woche. Überfordert fühlt sie sich deshalb nicht. Solange sie auf ihren Ausbildungsplatz wartet, hat sie Zeit. "Hoffentlich kriegt sie nie einen!", witzelt Lena, "Wir brauchen sie hier wirklich!"

Wirklich gebraucht wird hier immer noch jede Hilfe. Ein älterer Mann meldet sich zur Registrierung. "Er kann Farsi!", ruft Lena, rennt mit dem Säugling auf dem Arm auf den Flur und sucht nach der Frau mit dem kranken Kind, die vorhin hier war. Sie soll mit dem Übersetzer ins ärztliche Behandlungszimmer. Erleichtert kommt sie zurück und legt das Kind zum Schlafen auf seine Decke. In wenigen Tagen endet die Elternzeit. Dann kehrt sie als Facherzieherin für Integration an eine Schule zurück – vorerst. Denn Lena hat sich beim ASB auf eine Stelle beworben, wird ihren alten Job wohl kündigen. "Die Arbeit hier erscheint mir einfach sinnvoller", sagt Lena. Auch Maike hat schon mit dem Gedanken gespielt, in die Presseabteilung der Unterkunft zu wechseln. Aktuell wird die Pressearbeit von einer Teilzeitkraft betreut – dabei gäbe es Arbeit für drei.

800 Menschen leben derzeit im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf. Kapazitäten für mehr wären da, aber die Räume müssten erst vom Senat zur Unterkunft freigegeben werden, sagt Lena. Aktuell gebe es deshalb einen Aufnahmestopp. Dolmetscherin Boba ärgert das. Sie ist arbeitslos und übersetzt seit einem Monat täglich Bosnisch und Serbisch, begleitet Bewohner zu den Behörden und erlebt die Frustration, wenn Flüchtlinge keine Unterkunft finden oder umziehen sollen. Auch sie hat spontan angefangen zu helfen, ohne Erfahrungen, und wird das bis zu ihrer Umschulung auch weiter tun. 

Belastungsgrenze lange nicht erreicht

"Es ist gut, dass Merkel das Engagement der Freiwilligen würdigt", sagt Maike, während sie die Ausweise an ankommende Dolmetscher verteilt, "aber der Staat darf auf diese Hilfe nicht fest bauen." Überfordert fühlt Maike sich nicht, aber langfristig müsse die ehrenamtliche Arbeit stärker von der Bundesregierung unterstützt werden. Denn die aktuelle Situation wird sich so bald nicht verändern.

Lenas Frustrationsgrenze ist da höher. Das mag daran liegen, dass sie als Sozialpädagogin ausgebildet ist für die Arbeit, die sie hier leistet. Wütend macht sie nur ihr Freundeskreis. Die Menschen, die sagen: Wir schaffen das nicht. Das hält Lena für Quatsch, für sie ist die Grenze noch lange nicht erreicht. Frustrieren würden sie deshalb weder Merkels Aussagen, noch bürokratische Hürden, sondern einfach der Umgang mit den Schwarzmalern.