Es ist alles nur eine Frage der Entfernung. Wer dieser Tage nach Japan reist, hört viel über Spannungen im Südchinesischen Meer, über Probleme im Umgang mit den Koreanern, über Streit um die neuen Sicherheitsgesetze der Regierung Abe. Nur von Flüchtlingen, da hört man nichts.

Aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, gar aus Eritrea schafft es kaum ein Asylsuchender bis nach Tokio oder Osaka. Und deswegen kommt das Problem in den Zeitungen oder in den Fernsehnachrichten nur am Rande vor. Aus japanischer Sicht gibt es Wichtigeres zu besprechen.

Das ist einerseits die natürlichste Sache der Welt, andererseits aber doch etwas befremdlich, wenn man bedenkt, dass die gegenwärtige Flüchtlingswelle vielleicht nur der Beginn einer viel größeren weltweiten Migrationsbewegung ist. Denn Armut, Bevölkerungswachstum, Perspektivlosigkeit, Klimaprobleme dürften in den kommenden Jahren noch viele Millionen Menschen im Süden dazu bringen, auf der Suche nach einem besseren Leben nach Norden aufzubrechen.

Japan treiben diese Fragen derzeit nicht um. Warum, erklären zwei Zahlen: Fünftausend Menschen haben voriges Jahr Asyl beantragt, elf haben es erhalten. Ja, genau: elf. "Syrien ist von uns aus gesehen ein fernes Problem", sagt ein früherer Außenminister. Und fügt selbstkritisch hinzu: "Japan kann viel mehr machen. Wir müssen akzeptieren, wenn das Ausland sagt, Japan tut nichts."

Und selbst ein amtierender Vizeminister der konservativen Regierung Abe räumt ein: "Wir müssen zum Thema Flüchtlinge eine ernsthafte Diskussion führen."

Bisher geschieht das nicht. Mit den Fremden tut sich das Land, das sich in der Edo-Zeit (1603-1867) vollständig von der Welt abkapselte und keine Ausländer bei sich duldete, bis heute schwer. Die eigene Kultur gilt als einzigartig, was sie tatsächlich ist. Die Sprache gilt als schwer, was ebenfalls stimmt. Und trotzdem ist sie zu erlernen, so wie die Kultur zu verstehen ist. Aber die Skepsis der Japaner bleibt, dass es sich mit Fremden gut zusammenleben lässt.

Der Ausländeranteil in Japan liegt bei zwei Prozent. (Zum Vergleich: In Deutschland sind es 8,5 Prozent.) Ein Politiker, der daran etwas ändern wollte, würde wenig für seine Popularität tun. Die Grundstimmung ist: Nur keine Zuwanderung! Dabei steht Japan vor einer dramatischen demografischen Herausforderung: Die Bevölkerung altert – und sie schrumpft. Schätzungen zufolge wird sie in den nächsten 50 Jahren um 30 Prozent abnehmen, von heute 128 Millionen auf dann nur noch 87 Millionen.

Eine Studie im Auftrag der Regierung zeigte: Nicht nur müsste die Geburtenrate von derzeit 1,39 auf 2,07 ansteigen, es müssten auch Jahr für Jahr 200.000 Einwanderer ins Land kommen, um Japans Bevölkerungszahl über hundert Millionen halten zu können. 

Eigentlich müsste das Land Einwanderer also mit offenen Armen empfangen. Aber die wenigen Arbeitskräfte, die es ins Land schaffen, sind Krankenschwestern und Haushaltshilfen aus den Philippinen, Vietnam und Indonesien – Asiaten, die "uns Japanern mental ähnlich sind", wie ein Gesprächspartner sagt.

Natürlich gibt es Japaner, die sich fragen, ob es in einer globalisierten Welt nicht höchste Zeit sei, die traditionelle Abneigung gegen Offenheit und Vielfalt zu überwinden. Doch sie bleiben in der Minderheit.

Die Edo-Zeit ist vor 150 Jahren zu Ende gegangen. In manchen Köpfen aber lebt die damalige Isolation Japans fort. Fragt sich, wie lange das Land sich das leisten kann. Vor den Vereinten Nationen hat Premier Abe kürzlich 1,5 Milliarden Dollar zur Linderung der Flüchtlingsnot zugesagt. Geld, das im Nahen und Mittleren Osten dringend gebraucht wird. Was Japan aber nicht davon abhalten sollte, Flüchtlingen auch im eigenen Land Schutz zu gewähren. Elftausend statt elf – fürs Erste wäre das doch eine gute Zielmarke.