Jetzt steht fest: Geschäftsmässige Sterbehilfe wird in Deutschland zur strafbaren Handlung, deren Verstoß mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden kann. Es kann sein, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung ein anderes Ergebnis gewünscht hat – nämlich eine erweiterte Möglichkeit des ärztlich assistierten Suizids. Doch selbst wenn einer der in diese Richtung gehenden Entwürfe im Bundestag verabschiedet worden wäre, wäre er wohl am Widerspruch der Bundesärztekammer, spätestens vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gescheitert. Renate Künast hatte noch darauf gedrungen, dass die Parlamentsentscheidung die Mitte der Gesellschaft abbilden solle. Doch wer Ethik mit Mehrheiten begründen will, ist heute gescheitert.

Bei den Unterlegenen bleibt sicher der Argwohn bestehen, der Staat habe sich einmal mehr von mächtigen Lobby-Verbänden vereinnahmen lassen, den Religionsgemeinschaften und den Göttern in Weiß. Kirche und Ärzte hatten sich im Vorfeld für den Brand-Griese-Entwurf starkgemacht. Aber auf so einen Verdacht kann nur jemand kommen, der Ethik als politischen Kampfbegriff begreift. Ethik ist etwas Gewachsenes, ist kulturell determiniert, historisch kontaminiert. Es ist nur logisch, dass der hippokratische Eid der Ärzteschaft und die jüdisch-christliche Prämisse der unbedingten Lebensbewahrung in den Gewissensentscheidungen bei solcher Art Gesetzesfindung mit einfließen. Dass der Staat eine säkulare Institution ist, bleibt dabei unbenommen. Ethische Restbestände jüdisch-christlicher Ethik definieren die Würde des Menschen hier genauso wie die Werte der Aufklärung. In Deutschland kommt noch die diabolische historische Erfahrung hinzu, dass die NS-Diktatur Euthanasie mit Rassenethik zu begründen suchte.

Deshalb ist die ethische Befangenheit bezüglich der Sterbehilfe hierzulande wohl größer als in anderen Ländern. Gerade unter Ärzten. Sie waren Teil der ideologischen Todesmaschinerie. Sie bewiesen: Auch das Gewissen lässt sich durch Ideologie pervertieren.

Keine neue Rechtssicherheit

Auf dem einzelnen Arzt lastet durch das neue Gesetz nun nicht weniger Verantwortung als vorher. Er hat keine neue Rechtssicherheit erhalten. Weiterhin gilt: Wer als Mediziner bei der Selbsttötung hilft, aber diese Handlung nicht als Geschäft betreibt, bleibt straffrei. Sterbehilfe bleibt ein Grenzfall. Das ist gut so. Wäre dieser Grenzfall zur Regel geworden, und hätte das den ärztlichen Handlungsspielraum erweitert, wäre womöglich der Druck lebensmüder Patienten auf den "Erlöser-Doktor" gestiegen. Jetzt kann er sich weiter auf seinen Eid berufen oder nicht, ohne einem stärkeren öffentlichen ethischen Druck ausgesetzt zu sein.

Es kommt also weiter auf den Arzt an. Wie ist er dafür gerüstet? Wird er im Studium genügend ethisch auf diesen Konflikt vorbereitet oder ist er allein auf sein persönliches Gewissen zurückgeworfen? Hat man Pech, wenn man aus dem Leben scheiden möchte, der nahestehende Hausarzt aber Christ ist, der jede Suizidbeihilfe ablehnt? Wird es zum Lotteriespiel, an wen man gerät? Dass sich die angehenden Ärzte in ihrer Ausbildung nicht nur zur Geisel einer Apparatemedizin machen lassen, sondern Maßstäbe ethischen Handels gelehrt bekommen, die ihnen im Konflikt der Sterbehilfe das Handeln erleichtern, ist wichtiger denn je.

Das Parlament hat es sich mit der Entscheidung zur Sterbehilfe nicht leicht gemacht. Die gesamte Debatte, an der vor einem Jahr auch zahlreiche Experten aus den Bereichen der Medizin, des Rechts und der Ethik teilnahmen, trug dazu bei, den Tod als gesellschaftliches Tabu aus der Verdrängung zu holen. Selten führte eine ethische Debatte in ihrer Begründung zu einer solchen Transparenz. Ein kleines Meisterstück des Parlamentarismus. Der Stein der Weisen ist dennoch nicht gefunden.