ZEIT ONLINE: Herr Decker, am vergangenen Wochenende wurden in Leipzig 69 Polizisten verletzt und ein enormer Sachschaden angerichtet. Die Folge von Krawallen linker Gruppen am Rande einer Demonstration gegen einen Aufmarsch Rechtsextremer. Das ist nicht das erste Mal. Warum gerade Leipzig?





Oliver Decker: Sachsen ist nicht erst seit Pegida Kristallisationspunkt rechter Gruppierungen. Diese treffen wiederum in Leipzig auf eine zunehmend gut organisierte linke Szene. Die hat gerade zum Stadtteil Connewitz, in dem die Ausschreitungen jetzt zum Teil stattfanden, ein besonders emotionales Verhältnis.





ZEIT ONLINE: Inwiefern?




Decker: Connewitz war kurz vor der Wende quasi zum Abriss vorgesehen. Viele der Altbauten waren verfallen und sollten ersetzt werden. Dadurch eröffneten sich kurz nach dem Mauerfall alternative Lebensräume. Diese linke Szene ist bis heute stark im Stadtteil verankert. Ich kann mir vorstellen, dass mit dem Wiedererstarken rechter Gewalt in Deutschland, besonders im Osten, offenbar der Impuls bei den Linken steigt, solche Orte zu verteidigen. Was wir am Wochenende gesehen haben, finde ich aber völlig inakzeptabel. Die Demonstration gegen Rechtsextreme für einen solchen Gewaltexzess zu nutzen, ist schlimm.





ZEIT ONLINE: Polizisten wurden angegriffen, Geschäfte und Bushaltestellen zerstört. Es ging also nicht nur um Verteidigung. Das spricht nicht gerade für eine emotionale Bindung an den Stadtteil.




Decker: Richtig, es geht offenbar um mehr. Es scheint eine wechselseitige Eskalation stattgefunden zu haben, um zu zeigen, wer in Connewitz Herr im Haus ist. Das waren zum einen die Linken, die ihr Viertel von den Rechtsextremen bedroht sahen. Und es war zum anderen die Polizei, die zeigen wollte, dass Connewitz kein rechtsfreier Raum ist. 





ZEIT ONLINE: Die Linken hätten die Rechten doch auch einfach ignorieren können.





Decker: Nein, es scheint, als fühle sich die linke Szene von den Rechtsextremen massiv unter Druck gesetzt. Es geht darum, wer der Stärkere ist, wer die Straße beherrscht. Es zeigt sich hier eine Art Wagenburg-Mentalität in der Szene: Man muss zusammenrücken und tätig werden, um zu verhindern, dass es wieder so wird wie vor 20 Jahren, als eine gut organisierte Neonazi-Szene in Leipzig existierte. Das ist nicht ganz unbegründet. Bei den Rechtsextremen marschieren ja auch Leute mit, die in den neunziger Jahren schon dabei waren.





ZEIT ONLINE: Es handelt sich also um Gruppen, die sich wechselseitig radikalisieren?




Decker: Man kann das sozialpsychologisch betrachten. Eine Bedrohungswahrnehmung – unabhängig davon, ob es diese Bedrohung wirklich gibt – lässt Gruppen verstärkt reagieren. Das kann man in letzter Zeit gut beobachten: Wir erleben vielfältige "Krisen", die "Eurokrise" und die "Flüchtlingskrise", die stark polarisieren. Bei zugespitzter Krisenwahrnehmung werden die eigenen Gruppennormen stärker als sonst betont. Bei Pegida ist es abgrenzendes, autoritäres Gebaren. Auch fremdenfeindliche Gewalt nimmt zu. Auf der anderen Seite gibt es eine große Gruppe, die sagt: Wir müssen die humanitären Werte verteidigen.