Gerade wieder zum Jahreswechsel in Rom: auf der Spanischen Treppe, im Pantheon, im Petersdom – Scharen von chinesischen Touristen. Sie sind mir im vergangenen Jahr überall begegnet, haben mich in Tokio vor dem Kaiserpalast fotografiert und sich in Vancouver bei der Passkontrolle vorgedrängelt.

Chinas Reiseboom scheint so gar nicht zum allgemeinen Krisengefühl zu passen, zum Aufruhr im Nahen Osten, zu IS-Gewalt und Flüchtlingsnot, auch nicht zur Nervosität an den Börsen im eigenen Land. Unbeeindruckt von Krieg und Terror draußen wie von der aktuellen Wachstumsschwäche daheim, genießt das größte Volk der Welt seinen neuen Wohlstand, schaut sich die Länder dieser Erde an und geht shoppen.

Bei China wachsen die Zahlen schnell ins Gigantische, auch im Tourismus. Brachen im Jahr 2002 erst 16,6 Millionen Chinesen zu einer Auslandsreise auf, waren es 2011 bereits 77 Millionen, 2013 dann 97 Millionen und 2014 etwa 105 Millionen.

Jahrzehntelang haben die Japaner unser Bild von ostasiatischen Reisenden geprägt – leise, höflich und diszipliniert, ihrem Reiseführer mit dem Fähnchen lächelnd und fotografierend hinterhereilend, vom Louvre bis nach Neuschwanstein.

Die Chinesen sind eher laut. Ihr Reichtum ist frisch erworben und ihr Selbstbewusstsein von Zweifeln frei. Nur keine falsche Bescheidenheit! Die dicksten Einkaufstüten aus der Via Condotti und von den Champs-Élysées werden heute in Shanghai oder in Guangzhou ausgepackt.

Aber es gibt auch die jungen stillen Pärchen, die wissbegierigen Studenten, wie sie versunken vor einem Caravaggio-Gemälde stehen oder den Prunk einer europäischen Kathedrale bestaunen. In der "Großen Proletarischen Kulturrevolution" mussten ihre Eltern erleben, wie Zeugnisse westlicher (und klassischer chinesischer) Kultur verboten und zerstört wurden. Jetzt können die Kinder und Enkel in Wien die Musik Mozarts hören. Welch ein Glück!

Mal gucken, was draußen so los ist: Es gehört wohl zu den klassischen Entwicklungsetappen einer Konsumgesellschaft, das Reisen zu entdecken. So wie die Westdeutschen in den Wirtschaftswunderjahren mit dem VW über die Alpen nach Italien tuckerten, so besteigen heute die Chinesen ihre Großflieger nach New York und Frankfurt.

Eigentlich eine tolle Sache, wenn das Reisen – global betrachtet – nicht mehr ein Privileg der happy few ist, der Europäer und der Amerikaner. Wenn nun nach den Japanern und den Koreanern die Chinesen als dritte große ostasiatische Nation die Welt erkunden können. Auf dem Flughafen von Vancouver, zum Beispiel, sind schon jetzt alle Hinweise zweisprachig, nämlich englisch und chinesisch. Wobei es dafür auch einen nicht-touristischen Grund gibt: Viele Chinesen schauen sich in Kanada nach einer Zweitwohnung um. Man weiß ja nie, wie es mit dem eigenen Land weitergeht. 

Eben gerade weil die Regierenden in Peking die Zügel innenpolitisch wieder anziehen, weil das Internet strenger zensiert wird als je, weil Menschenrechtsanwälte ins Gefängnis gesteckt werden und an Schulen und Universitäten keine "westlichen Werte" mehr gelehrt werden dürfen, ist das Reisen ein Gewinn an Freiheit. Nicht der großen politischen Freiheit, die es einem erlaubt, die eigene Regierung zu wählen und wieder abzuwählen. Aber der kleinen persönlichen Freiheit, die es ermöglicht, fremde Luft zu atmen, Schönes zu erleben und zu genießen – eine Freiheit, die nur derjenige gering schätzen kann, der sie nie entbehren musste.

Und wenn viele Chinesen stolz darauf sind, dass sie es sich heute leisten können, auf der Ginza in Tokio oder bei Harrods in London einkaufen zu gehen, wer wollte es ihnen verdenken? Der "Ferne Osten" wird im Laufe dieses Jahrhunderts so fern nicht mehr sein, die wirtschaftlichen und politischen Gewichte werden sich weiter verschieben, und es muss sich erst noch zeigen, wer dann im Zentrum des Geschehens stehen wird. Gut möglich, dass von Peking aus betrachtet wir in Europa und in Amerika eher Peripherie sein werden.

Aber mit derartig nationalistisch verblasenen Gedanken werden die wenigsten chinesischen Touristen daheim das Flugzeug besteigen. Sie sind einfach neugierig auf die Welt da draußen, genauso wie wir voller Vorfreude aufbrechen, wenn wir ihr Land besuchen.

Das Reisen gedeiht nur in Wohlstand, Freiheit und Frieden. Nehmen wir es als gutes Zeichen in schwieriger Zeit, wenn sich noch immer die Menschen auf der Spanischen Treppe und im Petersdom drängeln. Wenn es – auch dank der chinesischen Touristen – nicht leer wird auf Europas von Polizei und Militär bewachten Boulevards und Plätzen.