Vor einigen Monaten, im vergangenen Sommer war das, ist Martin Ebermann bei der Arbeit richtig übel geworden. Er stand vor einem Lkw-Anhänger, nicht einmal drei Meter hoch, vielleicht fünf Meter lang. Kurz zuvor waren in den noch 81 Menschen gesperrt, aus Syrien, Pakistan, Afghanistan und dem Iran. Von Schleusern für zwölf Stunden zusammengepfercht, so eng, dass sie sich nicht bewegen konnten, ohne Essen und Trinken, ohne Toilette und fast ohne Atemluft. "Da war einer dabei, um die 70, seine Füße waren mit Verbänden umwickelt", erinnert sich Ebermann. "Das nimmt einen schon mit." Die Bundespolizei, zu der er gehört, hat den Lkw gefunden, als er schon am Straßenrand stand, hat die Menschen eingesammelt, sie in Sicherheit gebracht. 

Ebermann, der auch Pressesprecher ist bei der Bundespolizei im sächsischen Berggießhübel, will etwas sagen mit dieser Geschichte. Er will sagen: Wir, die Bundespolizei, die Grenzbewacher, wir sind nicht die Gegner der Flüchtlinge. Wir helfen ihnen.

Seit Monaten diskutiert Europa über Grenzen. Ob man sie schließen soll wegen der vielen Menschen, die gerade nach Europa kommen. Und wenn ja, wie. Ob man sich offene Grenzen noch erlauben kann. Ebermann und seine Kollegen sind es, die in Deutschland umsetzen müssen, was die Politik will. Grenzschutz ist Sache der Bundespolizei, und es ist nicht so, dass die bisher untätig ist. Es gibt keine Mauer, es gibt keine festen Grenzstationen – es gibt aber Ebermann und seine Kollegen, die an der offenen Grenze zu Tschechien in der sogenannten Schleierfahndung Autos kontrollieren. Stichprobenartig und verdachtsunabhängig, wie es in der Polizeisprache heißt. Das ist der Status quo an der deutschen Grenze.

Ebermann, 30 Jahre alt, groß gewachsen und mit kurzen Haaren, sitzt in seinem 5er BMW am Rande der Bundesautobahn 17. Auf dem Beifahrersitz neben ihm: sein Kollege Marco Haufe, 31 Jahre alt, gleiche Statur wie Ebermann, brünett und seit 13 Jahren Bundespolizist. Die beiden beobachten von ihrem Wagen aus den Verkehr, der von links an ihnen vorbei zieht. Von dort, wo wenige Hundert Meter entfernt Tschechien beginnt. Haufe und Ebermann schauen nach Autos, die sie anhalten werden, auf der Suche nach Waffenschmugglern, Fahndungsflüchtigen, Drogendealern – und nach illegal einreisenden Flüchtlingen.

Für 124 Kilometer ist die Polizeiinspektion Berggießhübel verantwortlich. In 24 Stunden passieren schätzungsweise 10.000 Fahrzeuge die Grenze. Auf die kommen zehn bis zwölf Einsatzwagen der Bundespolizei. "Wir suchen die Nadel im Heuhaufen", sagt Ebermann.

Wie sie die finden, welches Auto sie also anhalten, das zu erklären fällt den Beamten schwer. Sie schauen nach etwas, was andere einen Verdacht nennen würden, hier aber unabhängig davon passieren soll. "Wir halten jemanden an, wenn mein Bauch sagt, da müssen wir nachschauen", sagt Haufe auf dem Beifahrersitz.