Der Bundesnachrichtendienst (BND) schätzt die Lage "für die westliche Staatengemeinschaft heute ungleich gefährlicher" ein als 2001, dem Jahr der Anschläge auf das World Trade Center. Das gehe aus einer Analyse des BND hervor, berichtete der Rechercheverbund aus Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR, der das Dokument einsehen konnte. Die Analyse soll wenige Tage vor der Eroberung der Stadt Ramadi durch irakische Streitkräfte entstanden sein.

Aus dem BND-Dokument geht offenbar hervor, dass die "Zone der Instabilität" vom Hindukusch in die unmittelbare Nachbarschaft Europas vorgerückt ist und die Zahl der "Terrorfreiwilligen aus dem Westen alle bisher bekannten Dimensionen" überschreitet. Islamistische Gruppierungen hätten eine "industriell anmutende Propagandaproduktion" aufgebaut, die vor allem soziale Medien im Internet nutze. Die Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS), aber auch das Terrornetzwerk Al-Kaida beherrschten heute "mehr Raum als jemals zuvor". Erstere sei inzwischen in 30 Ländern präsent.

Die erhöhte Anschlagsgefahr im Westen sei mit einem Strategiewechsel des IS zu erklären. Anstatt westliche Staaten mit Terroranschlägen vor militärischen Interventionen zu warnen, sehne er diese geradezu herbei. Er suche wie zuvor Al-Kaida nun auch den "direkten Kampf" mit dem Westen. Gezielt verfolge er mit Anschlägen das Ziel, "seine Gewalt in die Heimat der ihn bekämpfenden Streitkräfte" zu tragen. Der IS wolle dadurch "in eine Opferrolle schlüpfen", um gemäßigte Muslime auf seine Seite zu ziehen. Im Westen solle durch die Anschläge der Hass auf Muslime größer werden.

Militärische Rückschläge würden demnach nicht dazu führen, dass der IS seinen "Kampf gegen den Westen einstellen werde". Stattdessen komme es darauf an, der dschihadistischen Ideologie effektiv entgegenzutreten.