Es wird gefährlich auf der Hauptstraße von Corinto. Irgendwo in den Seitenstraßen sollen sich vier bewaffnete Schützen verstecken, und die Polizei weckt kein Vertrauen. Sechs blutjunge Beamte sitzen auf einem Panzerwagen, grüne Stahlhelme auf der Stirn, und richten entsicherte Gewehre auf die Menge. Weiter mischen sie sich nicht ein. Die Menge: Das sind 300 Einwohner dieses 30.000-Einwohner-Städtchens im Hochland von Kolumbien. Sie gehören zum Volk der Nasa-Yuwe-Indios, auch Volk der Paez genannt, und sie haben einen schlechten Tag.

Heute Morgen wurde ihr Schamane festgenommen  – ein spiritueller Führer der Nasa, ein Mann von 35 Jahren, der die Naturheilkunde und das Geisterbeschwören beherrscht. Er hat, vermutlich im Suff, einen Nebenbuhler und zwei seiner Kinder mit einer Machete erschlagen, und seine Frau liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Jetzt steht der Schamane auf der Ladefläche eines Pick-ups, mit freiem Oberkörper und starrem Blick. Er ist mit Schnüren um Arme und Beine gesichert, er brüllt und versucht sich zu befreien. Ein Pulk von Wächtern zerrt an ihm herum, und schließlich sperren sie ihn in ein Gebäude am Straßenrand. Die Leute sagen, das geschehe zu seiner eigenen Sicherheit, die Familie seiner Frau wolle ihn umbringen. Die meisten hier schauen betreten zur Seite, ein paar der Anwesenden weinen. Andere stehen vor dem Gebäude und rufen ihrem Schamanen Drohungen und Obszönitäten hinterher.

Die Leute, die den Schamanen festgenommen haben, tragen rot-weiße Binden an den Armen. Das weist sie als Mitglieder der Sicherheitsgarde ihres eigenen Volkes aus: Die Nasa unterhalten auf ihrem Stammesgebiet nämlich eine Polizei und eine Gerichtsbarkeit. In Kolumbien gibt es ein Gesetz, nach dem solche traditionellen Strafen den Vorrang vor den Gerichten der Weißen haben. Auf den ersten Blick sieht so was nach Lynchjustiz aus: Die ganze Dorfgemeinschaft trifft zu einem Tribunal zusammen und stimmt durch Rufen darüber ab, was das Strafmaß sein soll: Aufs Schienbein schlagen? Kopfüber am Baum aufhängen? Stunden- oder tagelang bis zum Hals in die Erde stecken?

Auf den zweiten Blick ist die Sache nicht ganz so brutal, weil die Volksgemeinschaft beim Bestrafen die ganze Zeit dabei ist, die Peinigungen selber verabreicht und Übertreibungen verhindert. "Kürzlich sollte ein 14-Jähriger zehn Hiebe aufs Schienbein erhalten, doch er begann zu weinen", erzählt ein Mann, der die rot-weiße Binde der Aufseher am Oberarm trägt. "Da wurde die Strafe sofort eingestellt." Insgesamt, erläutert er, gehe es hier gar nicht ums Bestrafen und erst recht nichts ums Sühnen und Rächen. Die Strafen der Nasa sollten den Menschen zur Besinnung treiben, ihn von Bösartigkeiten heilen. Wer einmal bestraft worden sei, gelte danach sofort wieder als ein vollwertiges Mitglied der Nasa-Gesellschaft.

Doch in der Gegend rings um Corinto, wo die Nasa leben, ist dieses traditionelle System von Strafe und Heilung seit Jahrzehnten überfordert. Die hergebrachte Kultur zerbricht.

Alkohol und Gewalt haben Einzug gehalten, in den Wäldern operieren Drogenhändler, bewaffnete Rebellen und Paramilitärs. Mal wehren sich die Nasa dagegen, mal verbünden sie sich und kooperieren. In den Bergen über Corinto werden Kriege unter Drogenbanden ausgefochten, die Rohmaterial für Kokain einkaufen wollen. Autobomben liquidieren marschierende Soldaten, die im Gegenzug Panzer im Ortskern aufstellen. Als vor einiger Zeit oben am Berg neue Fernsehmasten installiert wurden, kletterten Farc-Rebellen nachts daran hoch: Sie fanden, das sei eine hervorragende Aussichtsposition für ihre Scharfschützen. Mehrere Male zogen paramilitärische Gruppen durch die Straßen, um "soziale Säuberungen" vorzunehmen: Sie erschossen Prostituierte, Bettler und Indios.

Blick von einer Terasse im Nasa-Dorf © Thomas Fischermann

Was wird nun aus dem Schamanen werden? "Der Fall ist ein Zusammentreffen von Alkohol und Eifersucht – in einer Welt, wo Gewalt ganz alltäglich geworden ist", kommentiert lakonisch der Mann mit der rot-weißen Armbinde. Er zuckt mit den Schultern, mehr ratlos als gleichgültig. Bei diesem Familienmörder, da ist man sich einig in der Innenstadt von Corinto, könne es keine Besinnung geben, keine Heilung durch Schienbeinklopfen oder Hängen am Baum. Die Philosophie der Nasa weiß hier keinen Rat. Der eigene Schamane ist ein Mörder.

So werden die Wächter der Nasa in den kommenden Tagen ihre ultimative Strafe verhängen: den Freiheitsentzug auf Lebenszeit. Der Schamane wird von der Dorfgemeinschaft verurteilt und anschließend in ein Gefängnis der Weißen verbracht.