Michel Abdollahi hat Migranten in Hamburg gefragt, wovor sie Angst haben. Das Video entstand in Zusammenarbeit mit dem NDR Kulturjournal .


Im Persischen gibt es das Wort Nejad-Parast. Es bedeutet Rassist. Ich kam 1986 als Fünfjähriger mit meinen Eltern aus dem Iran nach Deutschland und hörte es häufig. Deutsche seien Rassisten, so lautete ein gängiges Vorurteil unter vielen Migranten. Ich habe das als Kind zunächst nicht verstanden. Doch je älter ich wurde, umso mehr begriff ich, was es bedeutet, pauschal nach dem Äußeren bewertet zu werden. In den 1990er Jahren etwa galten alle Ausländer erst einmal als Türken. So auch ich. "Sie sprechen aber gut Deutsch", war ein gängiger Satz, den ich von älteren Damen im Bus zu hören bekam.

Irgendwann hörte ich auf, den Alltagsrassismus wahrzunehmen. Vielleicht wurde er tatsächlich weniger. Vielleicht hatte ich auch bloß keine Lust mehr, mich aufzuregen. Auf jeden Fall verschwand das Gefühl, die Deutschen seien verkappte Rassisten, die nur drauf warteten, ihre wahre Gesinnung auszuleben. Doch seit besorgte Bürger ihren Hass offen auf die Straße tragen und die AfD mit einer Mischung aus Blödsinn und Hetze echte Chancen auf Mandate hat, ist die Stimme in meinem Kopf wieder da und ruft ganz laut: "Nejad-Parast!"

Alle sprechen gerade von der Angst der Deutschen, den besorgten Bürgern, den von der Politik Alleingelassenen und Verunsicherten. Es geht um Angst vor Ausländern, Flüchtlingen, vor dem Islam. Seit den Vorkommnissen der Silvesternacht hat diese Angst auch ein Gesicht: der junge muslimische Mann, so wie ich. Hielten mich die Deutschen früher oft für einen Türken, falle ich nun in eine Kategorie, die wohl erst seit der Silvesternacht existiert: nordafrikanischer Syrer. 

Ich habe dieser German Angst schon in mehreren Fernsehbeiträgen nachgespürt. Diesmal wollte ich allerdings wissen, sag mal Migrant, wie hast du’s mit der German Angst? Wovor hast du Angst? Im Auftrag der ZEIT und des NDR-Kulturjournal zog ich los: auf Migrantensuche in Hamburger Stadtteilen Harburg und St. Georg. 

Mehr zu den neuen Ängsten der Deutschen lesen Sie in der ZEIT Nr. 5 vom 28.01.2016.

Da war eine junge Frau, Afghanin, die hatte Angst davor, von Flüchtlingen vergewaltigt zu werden. Sie plädierte dafür, nicht so viele reinzulassen. Wie sie denn hergekommen sei, fragte ich. "Als Flüchtling." Das sei aber schon lange her. Auf die Frage, was sie davon halte, dass der Verkauf von Pfefferspray und Elektroschockern seit Silvester so stark angestiegen sei, antwortete sie, sie habe sich auch eingedeckt. Warum dachte ich eigentlich, dass nur blonde Kölnerinnen Angst vor sexuellen Übergriffen haben? 

Da war ein Mann, Türke, um die 30, Familienvater mit Bart. Er sagte, dass er eine Frau, die vor ihm auf der Straße ging, überholt habe. Weil er das Gefühl hatte, dass sie sich unwohl fühlte mit ihm im Rücken. "Ich dachte, bevor sie anfängt schneller zu gehen …"

Die German Angst ist nicht so German

Da war ein Iraner, Arzt, vielleicht Anfang 50. Er erzählte, er werde nun von seinen Patienten gefragt, ob es in seiner Kultur normal sei, das zu machen, was in der Silvesternacht passiert war. Er sage jetzt wieder, er sei Perser, weil Iraner zu schnell mit Iraker verwechselst werde. Und er sei ja nun mal kein Flüchtling. Sondern Arzt. 

Ein weiterer Iraner erzählte mir, er habe mit 23 Jahren sein Land verlassen und hier studiert, jetzt sei er 54. Er lebe schon fast zehn Jahre länger in Deutschland, als er im Iran gelebt habe. Das hier sei seine Heimat, drüben sei er fremd. Nun aber würde er sich auch hier immer fremder fühlen.

Und da bin ich. Michel, 34. Ganz ordentlich angezogen, eigentlich immer ganz nett. Und als ich Anfang Januar abends nach Hause gehe, wechselt eine Frau die Straßenseite, als ich hinter ihr stehe. Einbildung? Ich weiß es nicht. So vieles ist nicht mehr einzuordnen. 

Alle, mit denen ich gesprochen habe, haben sich von den Übergriffen der Silvesternacht distanziert und sie ausnahmslos verurteilt. Viele hatten Angst um ihre Zukunft in diesem Land. Vor allem aber machten sie sich auch Sorgen um das Land selbst, das derzeit so durcheinander scheint. Um ein Deutschland, das auch ihres ist. 

Was bleibt, ist also, dass die German Angst gar nicht so German ist. Bei so manchem Migranten dachte ich, er wäre auch auf einer Pedida-Demonstration in Dresden ziemlich gut aufgehoben. Anderen ging es vor allem darum, dass es ihren Kindern gutgeht – und diese nicht stigmatisiert werden. Migranten sind eben oft viel germaner, als man denkt. Weil Menschen nun mal ähnliche Ängste haben. Weil sie Menschen sind.

Mehr zu den neuen Ängsten der Deutschen lesen Sie in der ZEIT Nr. 5 vom 28.01.2016. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.