Eine Frau wird von einem Bäcker aus ihrer Nachbarschaft umgarnt. Er macht ihr kleine Geschenke. Parkt vor ihrer Wohnung, vor ihrem Arbeitsplatz, ruft sie an, schreibt ihr. Sie geht eine Beziehung mit ihm ein, trennt sich aber nach einigen Wochen. Daraufhin zersticht er ihre Reifen und schüttet eine Flasche Parfum in ihren Briefkasten. Er ruft sie immer wieder an, sie findet Ausreden, um ihn nicht treffen zu müssen: Sie sei heute bei Freunden. Da widerspricht er: Er sehe doch, dass in ihrer Wohnung das Licht an sei. Aus Angst lässt sie sich immer wieder auf ihn ein.

"Die letzte Trennung hatte ich lange durchgehalten, aber jetzt bin ich mal wieder eingeknickt, weil, wenn ich mit ihm Kontakt habe, lebe ich einfach ruhiger. Hört sich komisch an, aber es ist so. Somit kommt er aktuell einmal in der Woche vorbei, wir gehen aus, schlafen miteinander und gut ist es." Sie glaubt, dass sie nicht die einzige sei: "Von seiner Frau hat er sich getrennt, aber er hat immer mehrere Frauen. Ich habe so den Verdacht, was er einmal angeleckt hat, bleibt seins. Wenn ich mir es so recht überlege, ist er ein Psychopath." So schreibt es die Betroffene in einer Mail an ZEIT ONLINE.

Stalking ist ein Alltagsphänomen, doch nur selten sprechen die Betroffenen darüber. Zu groß ist die Scham, von der eigenen Verletzlichkeit zu berichten. In einer großen Aktion hat ZEIT ONLINE darum die Leser nach ihren persönlichen Erfahrungen  befragt. Beinahe 40 (32 Opfer, 3 Täter, 3 Helfer) haben uns darauf geantwortet. Fast alle, die uns geschrieben haben, bestehen darauf, namentlich nicht genannt zu werden: Sie sorgen sich, dass der Täter, aber auch Freunde oder Bekannte sie anhand von Details wiedererkennen könnten. Auffallend viele Berichte stammen von  Frauen.

Auch Studien zeigen, dass Frauen häufiger Opfer von Stalking werden als Männer. Und dass Nachstellung in den Augen der Täter häufig ein romantisches Motiv hat: Oft ist der Stalker ein Ex-Partner, der die Trennung nicht hinnehmen kann, fast immer ist es ein Mensch aus dem privaten Umfeld des Opfers. Psychologen beschreiben Stalker als Menschen mit geringem Selbstwert, die meinen, mit allen Mitteln um die Aufmerksamkeit der anderen Person kämpfen zu müssen. Oft wirkt sich das Stalking auch auf die Freunde und Verwandten der Opfer aus.

Eine Leserin erzählt uns von ihrem gewalttätigen Ex-Freund. Nachdem sie sich von ihm getrennt hat, verschafft er sich auf brutale Weise Zugang zu ihr und den Kindern: "Er trat mehrmals in der Woche meine Tür ein, kletterte über den Balkon in die Wohnung, brachte fremde Männer in meine Wohnung. Vergangenes Jahr versuchte er, meine Tochter zu entführen. Mit drei weiteren Betrunkenen stürmte er meine Wohnung. Die Polizei kam gerade noch rechtzeitig."

"Ich suchte Hilfe bei Gewaltpräventionsvereinen, der AWO und begann eine Therapie. Ich verweigerte ihm jeden weiteren Kontakt und jede Form des Umganges mit dem Kind. Ich versuchte eine einstweilige Verfügung zu erwirken, wurde jedoch bereits vor der Antragstellung vonseiten des Gerichts dazu gedrängt, dies nicht zu tun. Es sei immenser Aufwand mit minimaler Erfolgschance."

"Ich bin vom Staat enttäuscht"

Viele Opfer fühlen sich von der Polizei alleingelassen: Aus den Berichten geht hervor, dass man sie belächelt, sie wieder nach Hause schickt, ihnen von der Anzeige abrät. Wahrscheinlich ist die Zahl der Vorfälle daher noch höher als die rund 22.000 Fälle, die jährlich zur Anzeige gebracht werden. Viele Opfer beantragen Gewaltschutz – der Stalker darf sich dann dem Opfer bis auf eine bestimmte Distanz nicht nähern. Oft, so schreiben uns die Betroffenen, geht das Stalking trotzdem weiter. Vor Gericht hat kaum einer gegen seinen Stalker Erfolg: Die Hürden für eine Verurteilung wegen Nachstellung sind sehr hoch. Zwei Opfer bitten uns explizit, den vollen Namen des Täters zu nennen, offenbar in der Hoffnung, dadurch an ihrer Situation etwas ändern zu können.

Ein Mann erzählt von seiner Ex-Freundin, die sich weder von einer Anzeige noch einer Gewaltschutzanordnung davon abhalten lässt, ihm SMS zu schreiben oder ihn in den Sozialen Netzwerken zu kontaktieren. "Besonders, als intimes Bildmaterial von mir durch sie online veröffentlicht wurde, war die Situation für mich sehr belastend. Auch die regelmäßigen Besuche bei der Polizei waren eine große Bürde."