Es fing nett an. Es kamen Blumen ohne Absender für mich ins Büro. Kleine Geschenke lagen vor meiner Haustür in Stuttgart: eine Schachtel Pralinen. Glasperlen. Wein. Irgendwann rief mich jemand an, sagte allerdings nichts. Diese Anrufe gab es dann immer öfter.

Dann stand eines Abends ein Mann vor meinem Büro und folgte mir mit einigem Abstand auf dem Nachhauseweg. Am nächsten Morgen stand er vor meiner Haustür und ging den gleichen Weg wieder mit zum Büro.

Das war im Winter 1987. Ich werde bis heute von ihm verfolgt.

Er war ein ziemlich unscheinbarer Typ, einer, der keine Aufmerksamkeit erregt. Ein Typ, dem man einmal begegnet und dann gleich weder vergisst. Vermutlich so alt wie ich.

Ich war gerade 26 geworden und arbeitete als Betriebskauffrau. Eines Nachts kam ich von einer Dienstreise müde nach Hause. Noch an der Haustür traf ich die Nachbarin. Sie sprach mich an: Wie schade es sei, dass ich bald ausziehen würde. Ich verstand nicht, wovon sie sprach, aber weil ich so müde war, tat ich es ab.

Am Tag darauf fand ich im Flur einen Aushang. Darauf stand, ich zöge in einer Woche aus, unterschrieben mit meinem Namen. Da wurde ich nervös und ging zum ersten Mal zur Polizei. Aber man nahm mich nicht ernst. Der Polizist tat die Geschichte als Streich ab und sagte: "Regen Sie sich nicht so auf!" Ich wurde regelrecht ausgelacht.

Dann schrieb er ein Kündigungsschreiben an meinen Arbeitgeber. Zum Glück ahnte mein Chef, dass etwas nicht stimmte und kam mit dem Schreiben sofort zu mir. Wieder ging ich zur Polizei. Diesmal nahm man mich ein wenig ernster und trug mir auf, vorsichtig und wachsam zu sein.

Natürlich beruhigte mich das kein Stück. Bald gratulierte man mir in der Apotheke nebenan zu meiner bevorstehenden Hochzeit, einige Wochen später beim Metzger sogar zur Schwangerschaft. Ich hatte sehr große Angst, ging kaum noch alleine raus. Ich hatte keine Ahnung, wer mir da zusetzte. Bis ich die Geschenke mit den Anrufen und allem anderen in Verbindung brachte, verging eine Weile.

Ich schilderte die Vorkommnisse einem Kontakt-Beamten in unserem Viertel. Kontaktbeamte sind den Stuttgarter Stadtvierteln zugeteilt und haben für die Sorgen der Bürger ein offenes Ohr. Er hörte sich alles an, dann sagte er, er habe da einen Verdacht.

Ihm war in letzter Zeit ein Mann aufgefallen, der regelmäßig gegenüber von meiner Wohnung am Spielplatz stand. Er verfolgte den Verdächtigen heimlich und fand so seine Adresse und seinen Namen heraus. Er bestätigte mir, dass der Mann mich verfolgte. 

Mit dem Namen und der Adresse ging ich zur Polizei. Aber Stalking war noch damals noch lange kein Strafbestand. Wieder konnte man mir nicht helfen.