Ein Stammesmitglied der Tenharim auf der Jagd © Thomas Fischermann

Der Pfeilmacher weiß nicht recht, wie er sich entscheiden soll. An diesem brütend heißen Amazonastag sitzt er mit freiem Oberkörper auf seiner Veranda, er lässt den Blick über die Hütten und Holzhäuschen des Dorfes kreisen und wälzt Argumente hin und her.

Leo Kiki, Vizehäuptling und oberster Waffenhersteller beim Volk der Tenharim im Amazonaswald, soll der Regierung in der fernen Hauptstadt Brasilia helfen. In den Wäldern der Umgebung sind staatliche Forscher auf einen Stamm von Eingeborenen gestoßen, der offiziell bisher noch keinen Kontakt mit der Welt der Weißen hatte. Sie leben offenbar nomadisch, laufen nackt herum und reagieren auf Fremde äußerst aggressiv. Leo soll den Regierungsforschern helfen, einen ersten Kontakt herzustellen. Schließlich ist er weit und breit der beste Kenner indigener Kultur, und die Forscher vermuten auch, dass er die gleiche Sprache spricht wie diese frisch entdeckten Indianer. Das Volk der Tenharim ist eine Splittergruppe eines viel älteren und größeren Volkes namens Kagwahiva, und ihre Sprache ist ein Dialekt des Tupí-Guaraní.

Leo Kiki, Vizehäuptling und oberster Waffenhersteller beim Volk der Tenharim © Thomas Fischermann

Leo ist aber unsicher, ob er helfen soll. Vor fast 40 Jahren, 1977, hatte die Regierung ihn schon einmal um Hilfe gebeten. Damals war er noch ein junger Mann von nicht mal 20 Jahren, als Kind war er noch unbekleidet mit Pfeil und Bogen in den Wäldern herumgelaufen, doch dann kam in seine Welt, was alle die "Zivilisation" nannten.

Leo hat damals eingewilligt, Kontakt zu einem Stamm herzustellen. Leute von der Regierung nahmen ihn in einem Kleinflugzeug mit, und er fand das beängstigend aber letztlich unterhaltsam. Dann haben sie ihn vorgeschickt in den Wald. "Wer seid Ihr?" riefen die Krieger des anderen Volkes. "Ich bin vom Stamm der Kagwahiva", rief Leo wahrheitsgemäß zurück. "Aha, Familie also", antworteten die anderen. So erzählt es Leo heute.

Über die kommenden Tage und Wochen brachte das Team von Regierungsanthropologen dann Geschirr und Kleider an die Stelle des Treffpunkts. Sie ließen diese Dinge als Geschenke liegen. Leo war dafür zuständig, die Lockrufe aus Brasilia zu überbringen. Er erklärte den fernen Verwandten, dass Regierungen dafür zuständig seien, den Menschen schöne Dinge wie Geschirr und Kleider zu bringen. Die Fremden nahmen die Geschenke an und kamen zu jedem Treffen mit mehr Menschen wieder. Die Regierung, das schien eine vernünftige Sache zu sein. "So haben wir nach und nach ihr Vertrauen gewonnen", sagt Leo.

Er selber verlor bald wieder den Kontakt zu seinen fernen Verwandten. Zu groß sind die Distanzen im Regenwald. Doch kürzlich hat Leo erfahren, dass deren Gegend des Waldes heute überlaufen sei von weißen Invasoren: Goldgräber, Baumdiebe, Raubfischer, Landspekulanten. Aggressive Zeitgenossen, die mit besseren Waffen als die Indianer durch die Wälder streifen, denen die Gesetze, der Indianerschutz und das Leben von Menschen wenig wert sind. Die Indianer dort führen, wie viele Völker im brasilianischen Regenwald, einen Kampf ums Überleben.

Siedler schlagen illegal Holz in einem Indianerreservat. © Thomas Fischermann

Leo kennt dieses Problem genau. Auch sein eigenes Volk hat seit den Siebzigern weiße Siedler als Nachbarn, und über die Jahre sind diese zunehmend aggressiv geworden. Erst hielten sie sich brav außerhalb des Reservats auf, aber inzwischen geht dort das Holz aus. Jetzt wollen die Weißen auch Holz im Indianerreservat schlagen und dort nach Gold schürfen, in dem Konflikt hat es schon etliche Tote gegeben. Vor zwei Jahren starb ein Häuptling der Tenharim, angeblich bei einem Motorradunfall, doch die Indianer glauben an einen Unfall nicht so recht. Dann kamen drei Weiße bei einer Autofahrt durch das Reservat ums Leben, deren Angehörige nun den Tenharim die Schuld zuweisen, und auch dieser Fall ist bisher ungeklärt geblieben. Seit zwei Wochen ist ein 14-jähriger Tenharim-Jugendlicher spurlos bei einer Exkursion in den Wald verschwunden, und niemand kann sich das recht erklären. Sein Stamm befürchtet das Schlimmste – eine Entführung, einen Mord.

Leo denkt in diesen Tagen auch manchmal über das Volk nach, zu dem er einst den ersten Kontakt hergestellt hat. Er fragt sich, ob er mit dazu beigetragen hat, die Plage des Weißen Mannes in ihre fernen Wälder zu tragen. Wäre es besser gewesen, den Forschern der Regierung nicht zu helfen? Hätte das überhaupt etwas geändert?

Vermutlich, sagt er schließlich, werde er den Regierungsforschern auch diesmal helfen. "Ich mache mir doch Sorgen um die Forscher", sagt er. "Die Menschen, die in den Wäldern leben, werden sich von ihnen angegriffen fühlen, und sie wissen sich zu wehren. Ich bin mir sicher: Die wurden draußen im Wald schon oft von irgendwelchen Weißen angegriffen."