Als die Revolution nach Choroní kam, wurde Giovanni Alvarez ein mächtiger Mann. In dem 5.000-Einwohner-Örtchen an der Atlantikküste, drei Autostunden westlich von Caracas, war der schmale Mann mit dem graumelierten Schnurrbärtchen früher bloß ein Verwaltungsbeamter gewesen. Doch Ende der neunziger Jahre kamen in Venezuela die Chavisten an die Macht, Anhänger des linken Revolutionsführers Hugo Chávez, und Alvarez war nun der richtige Mann am richtigen Ort.

Sein Titel bei der Verwaltung war nämlich "Verbindungsmann für die Projekte der Bolivarischen Republik", der Draht zur Nationalregierung in der Hauptstadt Caracas also, und damit wurde er immer mächtiger in Choroní. Mehr und mehr Geld lief über seinen Schreibtisch in dem schlichten Rathaus am Dorfplatz, wo Alvarez unter Wandbildern der Revolutionshelden Chávez und Simón Bolívar sitzt. Er bekam Mittel für die Renovierung von Häusern, für die Verbesserung des Nahverkehrs, für die Förderung des Tourismus, für die Instandsetzung von Kakaofarmen in der Region.

Immer weniger ging durch die Finger des gewählten Bürgermeisters, dessen Schreibtisch gleich nebenan steht, der Mann wurde aber schon länger nicht mehr gesehen. Jemand hat ein Radio draufgestellt, es läuft Gitarrenmusik, schwere Wah-Wah-Klänge aus den siebziger Jahren. Da versteht man die leise Stimme von Alvarez kaum. War die Revolution denn gut für Choroní? Hat es dem Ort genützt, dass eine Mehrheit der Leute hier stets stramm chavistisch wählt? "Ja", sagt der Mann. "Es hatte seinen Effekt."

Die Chavisten haben in Venezuela den ganzen Staat umgebaut – radikal und bis ins kleinste Dorf hinein. Von Beginn an wollte der Comandante Chavez nicht einfach eine linke Politik für die Armen machen. Er glaubte, dass das gar nicht klappen würde, wegen der tiefen Widerstände bei den bisherigen Machthabern, die überall noch in den Institutionen sitzen. Also blies er zum Angriff auf den "bürgerlichen Staat" – und er wollte, dass die Revolution nie zu Ende geht. Ehemals Mächtige, Bürgermeister zum Beispiel, sahen ihre Macht schwinden. Die Zentralregierung entschied mehr als zuvor. Der wichtigste Teil des Planes aber war, dass im ganzen Land neue Institutionen entstanden: Zehntausende neuer Räte, Missionen und runde Tische, völlig neu erfunden, basisdemokratisch angehaucht aber in Wahrheit doch fest in der Hand der Chavisten.

Die Parteiaktivistin Monica Myerstom hat eine Wunschliste an Projekten. © Thomas Fischermann

Dieses System steht in diesen Tagen vor seinem großen Test. Im Dezember des vergangenen Jahres wurden die Chavisten in Venezuela abgewählt: Die Leute hatten die Nase voll davon, dass der Sozialismus doch nicht funktionieren mochte, dass man vor staatlichen Supermärkten einen Tag lang für Mehl und Eier anstehen muss, und dass Güter wie Butter, Toilettenpapier und Aspirin völlig fehlen. Die bürgerliche Opposition stellt nun die Mehrheit im Parlament. Der Präsident und Chávez-Nachfolger Nicolás Maduro darf allerdings laut Verfassung noch im Amt bleiben, theoretisch bis 2019, doch über das Regieren müsste er mit der Opposition verhandeln. Theoretisch. Denn bisher machen Maduro und die Chavisten einfach weiter wie bisher – und sie haben schon angekündigt, dass sie notfalls ganz am Parlament vorbeiregieren, gestützt auf die Gerichte, die Militärs und die vielen neuen "basisdemokratischen" Strukturen.

"Wann ist das Treffen wegen der Busse?", fragt die Frau mit der knallroten Brille, dem knallroten T-Shirt und dem knallroten Rock. Sie ist durch die Rathaustür von Choroní hereingestürmt, geradewegs auf den Schreibtisch von Alvarez zu, und steckt die Fäuste bedrohlich in die Hüften. "Das Treffen ist gleich, ich werde hinkommen", sagt Alvarez resigniert und als die Frau verschwunden ist, seufzt er leise und raunt: "Das sind doch alles Fanatiker. Ich muss doch hier auch noch meine Arbeit machen!"

In Choroní hat sogar Giovanni Alvarez, der mächtige Verteiler von Zuwendungen aus der Hauptstadt Caracas, über die Jahre wieder an Macht verloren. Stärker denn jetzt sind jetzt die basisdemokratischen Räte, geschaffen von strammen Chavisten vor Ort. In diesem 5.000-Einwohner-Ort gibt es bereits 19 Räte und 39 sogenannte Kollektive, zu denen beispielsweise die örtliche Musikschule zählt. Anträge laufen, um noch weitere Räte und Kollektive zu schaffen. Im Versammlungsraum der Dorfschule sitzen heute schon seit den Morgenstunden etwa 100 Leute, die gemeinsam eins der Kollektive darstellen, und sie warten auf die Ankunft von Entsandten der Zentralregierung in Caracas. Da sitzen Lehrer, Hausfrauen, Rentner, Dorfpolizisten mit dicken Pistolen am Halfter, und sie werden heute alle nichts weiter tun als diese Versammlung zu besuchen.