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Die ZEIT wird am kommenden Sonntag 70 Jahre alt. Statt in die Vergangenheit zu blicken, wollen wir nach vorne schauen: Was ist den Menschen in Deutschland heute wichtig? Und wie wollen sie in Zukunft leben? Und was glauben die Menschen, wie sich unsere Gesellschaft tatsächlich entwickeln wird? In 3.000 Gesprächen mit Menschen aller Altersgruppen, Einkommensklassen und Herkünfte hat die ZEIT gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Bonner Sozialforschungsinstitut infas diese Fragen untersucht und repräsentative Ergebnisse erhalten.

Herkunft von Nahrungsmitteln

Gefragt wurde beispielsweise, wie wichtig es ist, wo und wie Nahrungsmittel produziert werden. Auf der Grafik ist deutlich zu erkennen: Bereits heute achten 43 Prozent der Menschen genau auf die Herkunft dessen, was sie essen.

Fehlende Prozentpunkte bis 100%: keine Angabe/weiß nicht

Das ist die Realität heute. Fragt man, ob das auch nachfolgenden Generationen wichtig sein sollte, zeigt sich ein größerer Sprung: Mehr als 70 Prozent meinen, auf gute Nahrungsmittelproduktion sollte zukünftig unbedingt geachtet werden.

Im Unterschied zwischen Wirklichkeit und dem gewünschten Zustand zeigt sich Selbstkritik am Verhalten heute. Die Hoffnung, dass die nachfolgenden Generationen es wirklich besser machen werden, ist allerdings nicht sehr groß.

Nur ein Fünftel ist sich da sicher, rund zwei Drittel sind unsicher. In diesem Ergebnis steckt ein gesellschaftliches Dilemma: Obgleich der Einzelne weiß, dass es für die Gesellschaft besser wäre, wenn alle Menschen auf die Herkunft ihrer Nahrungsmittel achten und Massentierhaltung boykottieren würden, kauft er oder sie ein, was am billigsten ist. Und glaubt, dass die anderen erst recht so handeln.

Bessere Medizin für diejenigen, die mehr dafür zahlen?

Was sie heute tun, halten die Deutschen nicht unbedingt für die beste Lösung. Das zeigt sich auch an der Frage, wie das Gesundheitssystem funktionieren soll. Sollen die, die mehr Geld für medizinische Behandlungen zahlen können, bei Ärzten und in Krankenhäusern bevorzugt behandelt werden?

Im Hier und Jetzt zeigen sich zunächst die unterschiedlichen Einkommensverhältnisse*: Besserverdiener nutzen ihren Vorteil und kaufen sich bessere medizinische Versorgung.

Wenn sich aber die Perspektive ändert, ändert sich auch das Bild: Bei der Frage, was sie künftigen Generationen empfehlen würden, beim Vermächtnis also, distanzieren sich die Besserverdiener von ihrem privilegierten Handeln und solidarisieren sich mit Menschen mit geringeren Einkommen (nur noch 22 Prozent der Topverdiener stimmen der Beibehaltung des Privilegs zu).

Fast drei Viertel der Deutschen wünschen sich demnach ein solidarisches, vom Einkommen unabhängiges Gesundheitssystem. Es gibt allerdings einkommensübergreifend Zweifel, dass Politik und Gesellschaft diesen Wunsch auch tatsächlich umsetzen werden. 

Eigene Kinder

Der Wunsch nach eigenen Kindern ist ein sehr persönlicher. Drei Viertel der Menschen sagen im Hier und Jetzt: Ja, eigene Kinder sind wichtig – und sie empfehlen das auch nachfolgenden Generationen.

Ein interessantes Detail in dieser Antwort: Die Idee, dass eigene Kinder wichtig sind, wollen Männer nicht dramatisch, aber messbar häufiger den nachfolgenden Generationen weitergeben.

Befragte, die eigene Kinder haben, finden diese naturgemäß sehr wichtig (94 Prozent). Nach ihrer Empfehlung für die nachfolgenden Generationen gefragt, stimmen dem immer noch 84 Prozent zu.

Glauben die Deutschen auch, dass zukünftige Generationen in ihrem Leben Platz für Kinder machen werden?

Weniger als ein Viertel der Menschen ist absolut zuversichtlich, dass die Gesellschaft auch zukünftig den Wert eigener Kinder hoch schätzt.

Kindern ihre Geheimnisse lassen

Bei der Frage, wie Eltern am besten mit dem Nachwuchs umgehen, unterscheiden sich die Einstellungen der Generationen. Gefragt, ob es wichtig ist, Kindern Geheimnisse zu lassen, zeigt sich das Phänomen Helikoptereltern in den Altersgruppen derer, die heute Kinder großziehen.

Nur 55 Prozent der unter 35-jährigen Eltern und rund zwei Drittel der 36- bis 50-jährigen Eltern ertragen, dass sie nicht alles über das Leben ihrer Kinder wissen. Menschen im Großelternalter dagegen sind in der Mehrheit bei diesem Thema entspannter. Die heutigen Eltern aber rechnen damit, dass sich das Kontrollbedürfnis in Zukunft sogar noch verschärfen wird.

Kinder früh an das Internet heranführen

Noch eine Generationenfrage: Ist es gut für unsere Kinder, wenn sie früh ans Internet herangeführt werden? Hier ist die Mehrheit skeptisch, sowohl im Hier und Jetzt, als auch was die Empfehlung für folgende Generationen betrifft.

Die größte Zurückhaltung zeigen Menschen im Alter zwischen 14 und 35 Jahren, die mit dem Internet aufgewachsen sind und das Medium sehr gut kennen. 

Bei den ganz Jungen lehnt fast die Hälfte eine möglichst frühe Auseinandersetzung mit dem Internet ab, nur elf Prozent sind Befürworter. Daran wollen die Digital Natives auch in Zukunft nichts ändern. Demgegenüber steht eine geringere Internetskepsis bei den Älteren.

Soweit die Überzeugungen. Bei der Einschätzung der zukünftigen Entwicklung zeigt sich ein anderes Bild: Alle Altersgruppen sind sich einig, dass der frühestmögliche Kontakt mit dem Internet in Zukunft Realität werden wird. Unabhängig davon, ob sie das befürworten oder nicht.

Neueste Technik verstehen

Dass sie einer frühen Internetnutzung von Kindern eher kritisch gegenüberstehen, heißt aber nicht, dass die Deutschen grundsätzlich technikskeptisch wären. Das Verständnis neuer Technik wird von der Hälfte der Befragten als wichtig erachtet. Männer und Frauen bewerten das Thema heute allerdings unterschiedlich: Knapp 40 Prozent der Frauen halten es für wichtig, neue Technik zu verstehen und knapp 60 Prozent der Männer.

Das Vermächtnis in dieser Frage, also die Empfehlung an folgende Generationen, ist klar: Sich mit technischen Innovationen zu beschäftigen, erachten knapp 70 Prozent der Frauen und knapp 80 Prozent der Männer für zukünftig wichtig – und Frauen sind noch optimistischer, dass sich die Menschen in Deutschland auch tatsächlich bemühen werden, diese Neuerungen zu verstehen.

Wichtigkeit, etwas Neues zu beginnen

Diese Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem beschränkt sich nicht auf Technik. Grundsätzlich zeigt die Vermächtnis-Studie die Deutschen als innovationsbereit. Fast die Hälfte ist offen dafür, etwas ganz Neues zu beginnen.

Diese Offenheit wird auch in Zukunft wichtig sein, das erkennt eine Mehrheit von 65 Prozent an. Schon heute besonders aufgeschlossen gegenüber Neuem – und damit auch potenziellen Brüchen – sind Menschen mit Migrationshintergrund.

Skepsis wird bei allen Befragten deutlich, wenn man sie nach ihrer Einschätzung der tatsächlich zu erwartenden Entwicklung fragt. Nur noch 35 Prozent sind der Meinung, dass sich eine gewisse Aufbruchstimmung in der ganzen Gesellschaft verbreiten wird.

Wir-Gefühl

Noch unsicherer sind die Deutschen bei der Frage, welche Bedeutung ein Zusammengehörigkeitsgefühl haben wird. Gegenwärtig empfinden mehr als 80 Prozent ein Wir-Gefühl als wichtig – wobei die Fragestellung offen lässt, ob das persönliche Umfeld oder die Gesellschaft als Ganzes gemeint ist. Und so wird es auch für die Zukunft empfohlen. Doch eine Kluft tut sich auf zwischen Wunsch und erwarteter Wirklichkeit: Nur 22 Prozent sind überzeugt, dass es unseren Nachfahren tatsächlich noch wichtig sein wird, ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu empfinden.

Trotz der Unsicherheit in dieser Sinnfrage: Die Deutschen genießen das Leben und sie empfehlen nachfolgenden Generationen, es ihnen gleichzutun. Immerhin fast 50 Prozent der Deutschen glauben auch, dass dies in Zukunft möglich sein wird.

25 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es spannend, wie es um die Lebensfreude in den vormals getrennten Hälften des Landes bestellt ist.

Die Menschen, die in den sogenannten neuen Bundesländern (und Ost-Berlin) leben, betonen den Spaß am Leben sogar etwas mehr als die Menschen in den alten Bundesländern (84 zu 81 Prozent). Das gilt für die persönliche Einstellung ebenso wie für die Frage, was nachfolgenden Generationen zu wünschen ist. Die Menschen im Osten sind außerdem zuversichtlicher, dass es wirklich möglich sein wird, das Leben zu genießen (55 zu 47 Prozent).

Wie wichtig ist gutes Aussehen?

Das Leben genießen – das dürfte nicht zuletzt jenen leicht fallen, die mit ihrem Aussehen zufrieden sind. Gutes Aussehen finden knapp 50 Prozent der Deutschen grundsätzlich wichtig bei allen Menschen – und vermutlich bei sich selbst auch.

Eine Sorge wird jedoch im Unterschied zwischen der erwünschten und erwarteten Zukunft deutlich. Nur 39 Prozent würden auch folgenden Generationen empfehlen, gutem Aussehen einen hohen Wert beizumessen – doch über 60 Prozent erwarten, dass in der tatsächlichen Zukunft das Äußere dramatisch an Wert gewinnt.

Unter Teenagern – also jener Altersgruppe, für die Aussehen ein besonders wichtiges Thema ist – ist der Unterschied zwischen Wunsch und Einschätzung der künftigen gesellschaftlichen Realität am deutlichsten.

Dieses Bild verfestigt sich, wenn die Deutschen nach der Notwendigkeit von Schönheitsoperationen gefragt werden. Die Frage "Würden Sie sich operieren lassen, um länger jünger auszusehen?" verneinen sie über alle Altersgruppen hinweg klar.

Diese Ablehnung würde eine ebenso deutliche Mehrheit auch den nachfolgenden Generationen empfehlen. Aber: "Werden sich die Menschen in der Zukunft tatsächlich operieren lassen, um länger jung auszusehen?" Auf diese Frage antwortet je ein gutes Drittel der Teenager und der unter 35-Jährigen mit einem deutlichen Ja. Es sind die anderen, die die Befragten für eitler halten als sich selbst.

Arbeiten, auch wenn man das Geld nicht braucht

Das letzte Schlaglicht werfen wir auf das Verhältnis der Deutschen zur Arbeit. Gehen sie nur für den Broterwerb ins Büro oder in die Fabrik – oder macht Arbeit auch Spaß? Stiftet sie Sinn in ihrem Leben?   

Mehr zum Wandel der Gesellschaft und den Ergebnissen der großen ZEIT-Studie lesen Sie in der ZEIT-Ausgabe Nr. 9 vom 18.02.2016.

Mehr als die Hälfte der Deutschen würde auch arbeiten, wenn sie das Geld nicht bräuchte, und empfiehlt diese Einstellung mit Nachdruck auch nachfolgenden Generationen. Lässt sich davon ableiten, die Deutschen hielten etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen grundsätzlich für eine gute Idee? Nicht, wenn man ihre Einschätzung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zugrunde legt, die stark vom eignen Blick auf die anderen geprägt ist. Nur knapp 16 Prozent erwarten, dass in der Zukunft tatsächlich auch ohne finanzielle Not gearbeitet würde.

* Einkommensgruppen:

  • unter Armutsschwelle: unter 60 Prozent des Medians des Nettoäquivalenzeinkommens (NÄE) (nach Mikrozensus 2013 unter 892 Euro)
  • mittleres Einkommen: Personen zwischen 60 und 200 Prozent des Medians des NÄE
  • hohes Einkommen: Personen mit mindestens dem Zweifachen des Medians des NÄE (nach Mikrozensus 2013 über 2972 Euro)

Wissenschaftliche Beratung: Patricia Wratil (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung)

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