Flüchtlinge erreichen den Hafen von Piräus in Griechenland. © Angelos Tzortzinis/AFP/Getty Images

Der oberste Flüchtlingshelfer der Welt stand mitten im Zentrum der Krise. Anfang der Woche besuchte Filippo Grandi, Hoher Kommissar des UNHCR, das Grab eines siebenjährigen Kindes, das auf der Insel Lesbos beerdigt wurde: ein schmuckloser Marmorstein mit dem Namen Jafar Mosavi, daneben verdorrte Blumen und ein lächelnder Plüschteddy. Jafar war auf der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland ertrunken.

"Ich bin sehr besorgt darüber, dass die Grenzen auf der Balkanroute sich schließen", sagte Grandi nach seinem Besuch auf dem Friedhof. Kurz zuvor hatte sich die Nachricht verbreitet, an der Nordgrenze Griechenlands würden kaum mehr Menschen durchgelassen. Das werde "noch mehr Chaos und Verwirrung schaffen" und die Bürde für Griechenland erhöhen, sagte der UN-Kommissar. Dabei trage das Land schon viel Verantwortung, indem es die Ankommenden versorge und unterbringe.

Seine Worte stehen im Kontrast zu den Vorwürfen, die sich die griechische Regierung nicht mehr nur von den Ländern weiter nördlich auf der Balkanroute anhören muss. Auch die eigene Bevölkerung und die Medien in Griechenland werden wegen der vielen Flüchtlinge, die täglich kommen, zunehmend nervös. Am Mittwochabend holte Ministerpräsident Alexis Tsipras zum Konter aus und drohte der EU: Er werde solange durch sein Veto politische Beschlüsse blockieren, bis die gleichmäßige Verteilung von Geflüchteten auf die EU-Mitgliedstaaten umgesetzt werde.

Westbalkanroute - Der beschwerliche Weg in Richtung Asyl Seit Anfang des Jahres sind über 100.000 Flüchtlinge über die Westbalkanroute nach Europa gekommen. Die Europäische Union ringt um die Verteilung der mehr als eine Million Schutzsuchenden, die 2015 kamen.

"Depot der Seelen"

Griechenland akzeptiere nicht, dass es Staaten gebe, die einerseits keinen einzigen Migranten aufnehmen, aber andererseits Zäune bauten. Tsipras nannte es eine "Schande", dass Österreich und weitere Länder der Westbalkanstaaten am Mittwoch in Wien eine Konferenz zur Asylpolitik abgehalten haben – außerhalb des EU-Rahmens und ohne griechische Beteiligung.

Trotzdem sieht die griechische Presse auch eine Verantwortung bei der eigenen Regierung. Die Athener Zeitung To Vima beschuldigt Tsipras, das Flüchtlingschaos selbst verursacht zu haben. Er habe viel zu spät auf die Situation reagiert und das Problem durch die Grenzöffnung nach Norden einfach verschoben. "Griechenland läuft Gefahr, zu einem Depot der Seelen zu werden", kommentierte die Zeitung. Die Regierung habe es versäumt, frühzeitig Verbündete in dieser Krise zu finden. Deshalb werde Griechenland jetzt von der EU erneut isoliert.

Während Politik und Medien darüber streiten, wer an der Krise Schuld ist und ob sich die Seegrenze zur Türkei effektiv abriegeln lässt, versuchen das Militär und die kommunale Verwaltung, die Flüchtlinge überall im Land unterzubringen. Allein am Mittwochmorgen erreichten 1.700 registrierte Migranten auf Fähren den Hafen in Piräus. Jetzt harren sie in einem Gebäude auf dem Hafengelände aus. Man lässt sie nicht weiter nach Norden reisen, um das Chaos an der Grenze nicht noch zu vergrößern. Derweil warten auf Lesbos noch einmal 2.500 Menschen darauf, auf das Festland übersetzen zu können.

Die Auffanglager sind im ganzen Land überfüllt. In dem neu aufgebauten Verteilungszentrum Schisto bei Athen können kaum mehr Menschen aufgenommen werden. Etwa 40 Busse erreichten am Mittwoch das Auffanglager Diavata nahe der nördlichen Metropole Thessaloniki. Die Menschen hatten zuvor an der Grenze zu Mazedonien ausgeharrt, bis die Polizei das notdürftige Zeltlager Anfang der Woche auflöste.

Auf der Autobahn zwischen Athen und Thessaloniki strandeten weitere 1.200 Menschen. Ihre Busse fuhren nicht mehr weiter, nachdem bekannt wurde, dass die Grenze geschlossen sei. Griechische Medien berichteten, dass etwa die Hälfte der Menschen, unter ihnen viele Kinder, nun zu Fuß aufgebrochen sei, um die 450 Kilometer lange Strecke bis nach Mazedonien zu gehen.