Malik F. war bis Anfang Februar als Promotionsstudent im 18. Semester Mitglied der TU Darmstadt im Fachbereich Mathematik. Die ungewöhnlich lange Zeit, die ihm seine Betreuer für die Erarbeitung seiner Doktorarbeit gewährten, ist nicht die einzige Merkwürdigkeit in der Biografie des 35-jährigen syrischstämmigen Akademikers. Ein Video hatte zum jähen Ende seiner wissenschaftlichen Karriere geführt. In ihm sprach er sich für die Ziele und die militärische Vorgehensweise der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) aus. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt nahm Ermittlungen gegen ihn wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Vereinsverbot auf. Der IS ist seit 2014 in Deutschland verboten.

Wer sich auf dem Darmstädter Campus umhört, erfährt, dass Malik F. einen unauffälligen Eindruck machte. Höflich sei er gewesen, erinnern sich seine Kommilitonen. Früher hat er sich in der Arbeitsgruppe syrischer Studierender engagiert. Sie setzt sich für eine friedliche Lösung des seit 2011 tobenden Bürgerkriegs ein. Irgendwann blieb er den Treffen fern. Ein Mitstreiter aus jener Zeit, der namentlich nicht genannt werden will, erklärt, manche seiner Landsleute hätte sich im Ringen um eine politische Lösung radikalisiert: "Ich kann mir vorstellen, dass sich das tagtägliche Leid, das Studenten in ihrer syrischen Heimat mitkriegen, auf die Psyche auswirkt." Am Ende dieses inneren Prozesses könnten sie dann zu Anhängern radikaler Ideologien wie der des IS oder von Al-Kaida werden.

Doch es braucht keine Bürgerkriegserfahrung, um sich als Student für radikale Gruppen und deren Ziele zu begeistern. Stephan R. (Name geändert) studiert an einer Fachhochschule in Nordrhein-Westfalen. Zu Anfang seines Studiums trieb ihn die Suche nach einem "höheren Sinn" in die Arme einer Gruppe von Muslimen, die sich immer mehr radikalisierte. Er konvertierte und war selbst am Beginn eines ideologischen Tunnels, an dessen Ende zahlreiche Gesinnungsgenossen in den Dschihad nach Syrien oder den Irak gezogen sind.

Erst später, als er sich von der Gruppe losgesagt hatte, wurde ihm klar, warum er in die Salafisten-Szene geraten war: "Man muss schon Idealist sein, um sich voll und ganz einer Ideologie hinzugeben." Mit Psychotricks und moralischem Druck hätten ihn die Vordenker aus der Gruppe so lange bearbeitet, bis er selbst in einer unmenschlich harten Auslegung des Korans die einzige Lösung aller politischen Probleme gesehen habe. Der Wendepunkt war für ihn, als er erkannte, dass sich seine Mitstreiter selbst auf einem Kreuzzug gegen Andersgläubige befanden – genau das, wogegen sie sich angeblich in ihrem politischen Kampf mit dem Westen richteten.

Seine Mitstreiter von damals seien zum Teil noch immer an der Hochschule, sagt Stephan R., sie seien in einer muslimischen Hochschulgruppe aktiv. Die Hochschulleitung würde über deren Mobilisierung auf dem Campus hinwegsehen. "Die meisten Hochschulen haben das bislang noch nicht auf der Pfanne, was bei ihnen in Sachen radikaler Islam läuft", sagt Stephan R. Man würde lieber wegschauen, als konfrontativ dagegen vorzugehen.

Stelle man den rein religiösen Kern manch einer muslimischen Hochschulgruppe infrage, laufe man Gefahr, als Gesinnungsschnüffler oder gar Rassist beschimpft zu werden, sagt ein AStA-Vorsitzender, der nicht namentlich genannt werden will. An seiner Universität in Hessen beobachtet er drei Gruppen, die zu Vorträgen von Islamisten, zum Beispiel aus den Reihen der Muslimbrüder, einladen. Veranstaltungen dieser Art finden in Hörsälen oder Seminarräumen seiner Uni statt.

Auch die Polizei sieht das Problem

Die Vorstellung, dass Salafisten nur in bildungsfernen Schichten neue Anhänger finden, ist für Wolfgang Trusheim lebensfern. "Im Rahmen hiesiger Ermittlungen wurde retrograd festgestellt, dass mehrere Terrorverdächtige vormals in Frankfurt studiert hatten", erklärt der zuständige Kriminaloberrat bei der Frankfurter Polizei. Die Spezialisten würden mittlerweile mit den Universitäten zusammenarbeiten. Auch gingen sie von diesen gemeldeten Verdachtsfällen nach.

Die Universitäten dürfen nicht länger die Augen vor dem Problem verschließen, fordert Professorin Susanne Schröter: "Bisher ist man weitgehend davon ausgegangen, dass Salafismus ein Unterschichtenproblem ist, und hat die Universitäten und Fachhochschulen nicht in den Blick genommen. Das ist meiner Meinung nach ein großer Fehler", sagt die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam.

Sie hat sich auch mit dem Fall Malik F. beschäftigt. Die Übersetzung seiner Facebook-Seite aus dem Arabischen hat demnach ergeben, dass er seine Landsleute aufgefordert hat, als Flüchtlinge nach Deutschland zu kommen. Aber auch um Studierende oder Akademiker aus anderen arabischen Ländern hat er sich wohl gekümmert. In einem Unternehmen, dessen Deutschlandsitz sich an seiner Wohnadresse im südhessischen Weiterstadt befindet, soll er einen Rundumservice anbieten, um Zugang zu deutschen Hochschulen zu ermöglichen. "Da besteht natürlich die Gefahr, dass er gezielt Flüchtlinge anwerben möchte, die hinter dem IS stehen. Und da er noch dieses Serviceunternehmen betreibt, wird er sicherlich mit dieser Propagandatätigkeit fortfahren", sagt Schröter.