Der Kölner Karneval kommt gerade rechtzeitig: Traditionell soll er Dämonen und Geister vertreiben – und davon gibt es dieser Tage einige. Seit den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht liegt ein Schatten über der Domstadt. Anstatt, wie sonst üblich, fröhlich über die Mottowagen des Rosenmontagszugs und über öffentliches Urinieren zu diskutieren, spricht die Stadt über Verhaltensregeln und Sicherheitsmaßnahmen.

Zum Beispiel der Sozialarbeiter Peter Schmitz, der ein Flüchtlingsheim der Caritas leitet. Seine Aufgabe sei es, Menschen in die Gesellschaft zu integrieren, sagt er. Und das bedeute in Köln eben auch, ihnen den Karneval näherzubringen. Schmitz setzt dazu eine Narrenkappe auf, schnappt sich seine Pauke, singt "Kölle Alaaf" und führt eine kleine Blaskapelle in den Gemeindesaal unter der Kirche St. Karl Borromäus in Köln-Sülz. Seine vielleicht 150 Gäste sind zum großen Teil Flüchtlinge. Einige Volkshochschulklassen haben ihren Deutschunterricht ausnahmsweise hierher verlegt.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Kölner im Saal unter Girlanden schunkeln und klatschen, steckt die Neuankömmlinge an. Die erste Lektion im "Karneval für Anfänger" ist gelernt. Dann aber wird es ernst: Schmitz hat ein paar Powerpoint-Folien vorbereitet, auf denen erklärt wird, woher das Wort "Karneval" eigentlich stammt und wie man korrekt "bützt": Man mache dabei ein Kussgeräusch, berühre den anderen aber gar nicht, doziert Schmitz. Was er sagt, wird von Dolmetschern auf Englisch, Arabisch und Farsi übersetzt. Dann wird wieder gesungen und geschunkelt.

Fragt man die Flüchtlinge, was sie von der ganzen Sache halten, bedanken sie sich für die Gelegenheit, die deutsche Kultur kennenzulernen. Karneval sei eine Gelegenheit, auch daran teilzuhaben. Dass die Silvesternacht so katastrophal endete, soll daran nichts ändern. Wer kriminell ist, sollte abgeschoben werden, sagt Zaki, der im August aus Syrien kam. Der Algerier Amin ist zuversichtlich, dass die deutsche Gesellschaft zwischen Tätern und Schutzsuchenden unterscheiden kann. Auch er will Karneval feiern – und hofft, dass diesmal alles friedlich und sicher verläuft.

Nach der Unterrichtsstunde gibt Schmitz noch einige Interviews. Kamerateams drängeln sich um ihn, weil er so ein gutes Symbol dafür ist, wie sich die Kölner das gemeinsame Karnevalfeiern vorstellen. Aber natürlich ist die Caritas nur eine von vielen Einrichtungen, die etwas tut. In den Flüchtlingsunterkünften wird das Thema besprochen, Ehrenamtliche organisieren gemeinsame Ausflüge zum Festumzug. Die Leiterin eines Flüchtlingsheims in einem Vorort sagt, sie sei mit Material überschüttet worden, zum Beispiel von der Bezirksregierung und der Polizei. Es sei viel Gutes dabei, übersetzt jeweils in mehrere Sprachen. Es gibt ein Faltblatt des Festkomitees, das den Karneval erklärt, und einen Flyer von Stadt und Polizei, der vor Trickdieben warnt.

Die Geschehnisse der Silvesternacht haben Köln getroffen. In der Stadt des Frohsinns waren Frauen einer marodierenden Masse junger Männer ausgeliefert. Noch immer ist nicht geklärt, wie diese Banden eigentlich zusammenfanden, wie sie sich verabredeten. Noch immer fehlt von zahlreichen Tätern jede Spur. Keiner weiß, wann sich die Aggressivität dieser Männer zum nächsten Mal entladen mag. Eine Gefahr, so schwer zu fassen wie ein Dämon.

Die Verunsicherung in der Bevölkerung hat sich wie ein zweiter Dämon in der Stadt ausgebreitet: Hilfsorganisationen berichten, dass Spenden für Flüchtlinge ausbleiben. Nordafrikaner sagen, dass sie sich stigmatisiert fühlen. Seit Januar entstehen bei Facebook Gruppen, die sich "Bürgerwehr" nennen. Auf der Straße jagen diese Leute Menschen nicht-weißer Hautfarbe hinterher. Bisher blieb es bei Einzelfällen.