Thiat ("der Letztgeborene") heißt eigentlich Cheikh Oumar Cyrille Touré. Seit 1999 tritt er mit dem Rapper Kilifeu als Hip-Hop-Duo Keur Gui auf. Ihre kritischen Songs über die Zustände ihrer Heimatstadt Kaolack brachten den beiden Gefängnisstrafen ein, aber auch große Popularität bei einer frustrierten Jugend ohne Jobs.

2011 gründete Keur Gui mit befreundeten Journalisten die Protestbewegung Y'en a marre (Jetzt reicht’s). Auslöser war ihr Zorn über eine Serie von Stromausfällen. Die Gruppe mobilisierte bei ihren Konzerten die Stimmen der jungen Leute. 2012 trug sie zur Abwahl des Präsidenten Abdoulaye Wade bei, der auf eine dritte Amtszeit drängte. Ein neuer Dokumentarfilm The Revolution will not be televised, der bei der Berlinale seine Weltpremiere hatte, dokumentiert den Kampf von Keur Gui und der senegalesischen Demokratiebewegung.

Auch unter der Regierung des Präsidenten Macky Sall entzünden die Rapper mit provokativen politischen Texten über Korruption oder Landraub weiterhin landesweite Debatten und werben für Bürgersinn und politisches Engagement.

DIE ZEIT: Viele junge Afrikaner riskieren die Flucht über das Mittelmeer. Können Sie sie verstehen?

Thiat: Natürlich. Die meisten dieser Leute sind bitterarm, sie haben weder Job noch Perspektive. Viele denken, sie hätten nur die Wahl, sich zu radikalisieren wie die Anhänger von Boko Haram – oder sich zur Mittelmeerküste durchzuschlagen und aufs Boot zu steigen. In Senegal gibt es die Redewendung Barca wala barsakh, Barcelona oder das Grab. Aber letztendlich ist Flucht keine Lösung. Ganz und gar nicht.

ZEIT: Sie fordern Ihre Landsleute dazu auf, zu bleiben?

Thiat: Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder soll leben können, wo er will. Die Erde gehört allen Menschen. Ich finde es auch gut, wenn Afrikaner in Europa etwas lernen. Aber die Flucht ist riskant. Und wenn zu viele Menschen anderswo nach Chancen suchen, wer soll dann die Situation in ihren Ländern verbessern? In Afrika gibt es viel zu tun.

ZEIT: Wie kann man den Aufbruch verhindern?

Thiat: Sicher nicht durch Abschottung. Europa kann noch so viele Grenzen schließen und eine Mauer nach der anderen errichten – das wird die Migration nicht stoppen. Jeder muss die Möglichkeit bekommen, ein Einkommen zu erwirtschaften und sein Land nach eigenen kulturellen Vorstellungen zu gestalten.

Entwicklungshilfe für afrikanische Projekte

ZEIT: Sollte Europa viel höhere Summen in die Entwicklungszusammenarbeit investieren?

Thiat: Die jungen Leute in Afrika sagen heute selbstbewusst: Wir akzeptieren nicht mehr jede Innovation, die ihr uns mit eurer Entwicklungshilfe aufdrängt. Wenn ihr aber unsere eigenen Demokratieprojekte unterstützt; wenn ihr uns eine Fortbildung bezahlt oder die notwendige Logistik, dann nehmen wir das gerne an.

ZEIT: Wo sollte geholfen werden?

Thiat: Wir wollen keine Hilfe von Mama und Papa. Die reichen Länder, auch die deutsche Gesellschaft, müssen sich endlich fragen: Woher kommen unsere Ressourcen, was hat die Bevölkerung in Afrika vom Handel? Heute holen riesige Schiffe vor der afrikanischen Westküste so große Fänge aus dem Meer, dass für unsere Fischer mit ihren kleinen Booten nichts mehr bleibt. Öl, Gas, Mineralien, all die Schätze Afrikas werden von ausländischen Konzernen gehoben, und die Gewinne fließen aus dem Land. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn multinationale Konzerne bei uns mal Steuern zahlen würden. Das ist ihre moralische Pflicht.