Aleks in ihrem zu Hause im niedersächsischen Ditzum. Das Bild stammt aus einem Imagevideo der Freiwilligen Feuerwehr, wo sie Mitglied war.

Sie schlafen noch, als es an der Tür klingelt. Es ist halb sechs Uhr morgens und stockduster. Dusan Freistätter steht auf, seine Lebensgefährtin Emanuela Hober bleibt noch liegen, genau wie die fünf Kinder nebenan. Als Freistätter aus dem Fenster schaut, sieht er draußen fremde Menschen stehen. Nur Doreen Brauner erkennt er sofort, erst gestern war er bei ihr, im Ausländeramt Leer, um seine Duldung zu verlängern. Zum Abschied sagte er, wie immer: "Bis zum nächsten Monat." Brauner sagte so etwas wie "tschüss", erinnert sich Freistätter. Als er nun die Tür öffnet, sagt sie: "Herr Freistätter, Sie haben noch 45 Minuten."

45 Minuten bis sie Ditzum verlassen müssen. 45 Minuten zum Zusammenpacken ihres Lebens. Die Familie Hober/Freistätter wird abgeschoben.

Etwa zehn Monate lang lebten Dusan Freistätter, Emanuela Hober und die fünf gemeinsamen Kinder in Ditzum, einem 600-Einwohner-Ort in Ostfriesland, Niedersachsen. Ihre deutschen Namen sind Zufall, Freistätter hat ihn aus einer anderen Ehe, Hober von der Ehefrau ihres Vaters. Geboren und aufgewachsen sind sie in Serbien, von dort geflohen, weil sie Roma sind und man dort keine Roma will.

Zehn Monate lang in einem Übergangsstatus. Zuletzt musste die Familie alle paar Wochen zum Ausländeramt, um ihre Duldung zu verlängern. Duldung bedeutet nur, die Abschiebung kann aus irgendeinem Grund noch nicht stattfinden – weil Papiere fehlen, weil eine Krankheit vorliegt oder weil gerade kein Flug ins Heimatland geht. Die Ausländerbehörde kann eine Duldung jederzeit widerrufen, wenn dieser Grund wegfällt. Bei Familie Freistätter war es soweit, als wieder ein Flugzeug nach Serbien starten sollte.

Politiker reden dieser Tage viel von Abschiebungen: Menschen ohne Bleibeperspektive sollen Platz machen für Kriegsflüchtlinge. Über die, die das betrifft, reden alle immer weniger. Denn der Druck von rechts, die Flüchtlingszahlen zu begrenzen, steigt. Und eine Diskussion über eine Obergrenze lässt keinen Platz für Einzelschicksale.

Als der Film gedreht wurde, waren sie schon abgelehnt

Dass das Einzelschicksal der Familie Freistätter/Hober in die Öffentlichkeit gerät, liegt an der Tochter der Familie: Aleksandra, elf Jahre alt. Sie war Mitglied der Freiwilligen Jugendfeuerwehr Ditzum und wurde dort zum Gesicht eines Imagefilms, finanziert vom Innenministerium. Die ganze Familie kommt darin vor. Sie sitzen auf ihrem Sofa, lächeln sich an, der Vater erzählt, wie wichtig eine Schulausbildung ist. Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein weißes Deckchen.

Sie sollten allen zeigen: So kann sie funktionieren, Integration. Doch als der Film Ende Oktober gedreht wurde, da war ihr Asylantrag schon abgelehnt.

Doreen Brauner vom Ausländeramt sagt: "Die moralische Seite ist oft eine andere als die rechtliche." Serben haben in Deutschland so gut wie keine Chance auf Asyl, das Land steht seit September 2014 auf der Liste der sicheren Herkunftsstaaten. Der Familie sei laut Brauner mehrfach die freiwillige Ausreise angeboten worden. "Wenn das nicht passiert, muss die Ausländerbehörde tätig werden, egal, wie man das findet."

Einer, der das nicht gut findet, ist Sven Friebel. Am Morgen des 16. Dezember bekam er gegen halb sieben einen Anruf, es war Freistätter. "Hallo Sven, mein Freund, wir sitzen im Bus." Friebel fragte: "Wohin geht die Reise?" Erst dann hörte er im Hintergrund die Kinder weinen.

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