ZEIT ONLINE: Frau Merei, warum leiten Sie ein Frauenmagazin in Syrien?

Yasmine Merei: Ich muss zugeben: Ein Mann hatte die Idee. Der Chefredakteur des Magazins, Mohammad Mallak, fragte mich, ob ich daran mitarbeiten wolle. Er fand es wichtig, ein Magazin für Frauen zu gründen, denn gerade sie stehen im Krieg vor vielen Problemen. Es gab nichts Vergleichbares in Syrien. Die erste Ausgabe erschien im Januar 2014. Unsere Hauptredaktion ist in der Türkei. Für uns schreiben ein Dutzend Journalisten, dazu holen wir Expertenmeinungen ein. Wir kritisieren Kinderheirat, die fehlende Beteiligung von Frauen in der syrischen Politik und Ehrenmorde. Wir wollen die Frauen über ihre politischen und sozialen Rechte informieren.

Die Journalistin Yasmine Merei © privat

ZEIT ONLINE: Wer ist Ihre Zielgruppe?

Yasmine Merei: Unsere Leserinnen leben in Syrien in den belagerten Gebieten, aber auch in den Gegenden, die nicht mehr vom Assad-Regime kontrolliert werden. Die meisten haben keine Elektrizität und kein Internet und sind völlig abgeschnitten von allem. Wir versuchen, sie wieder mit der Welt zu verbinden. Wir wollen ihnen das Gefühl geben, dass jemand über sie und ihre Sorgen spricht. 

ZEIT ONLINE: Wie geht es den Frauen in Syrien?

Yasmine Merei: Das kommt darauf an, wo sie sind. In den kurdischen Gebieten im Norden ist es ruhiger, in den belagerten Außenbezirken von Damaskus dramatischer. Die Frauen können sich oft nicht frei bewegen, weil sie Angst vor den Islamisten oder den Schergen des Regimes haben. Aber ganz unabhängig vom Krieg: In Syrien gab es noch nie eine frauenfreundliche Atmosphäre.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Yasmine Merei: Die Medien haben sich nie mit den Frauen befasst. Deswegen wissen viele nicht, was Frauenrechte sind. Wir haben seit Jahrzehnten die gleiche Verfassung, in der die Benachteiligung der Frau festgeschrieben ist. Frauen sind fast gar nicht in der Politik vertreten. Es gibt keine Gleichberechtigung im Erbrecht, Ehrenmorde und Zwangsheirat sind an der Tagesordnung. Musliminnen dürfen nur muslimische Männer heiraten, muslimische Männer hingegen können heiraten, wen sie wollen. Zumindest vor der Revolution waren die meisten Frauen gewohnt, immer "Ja" zu sagen. Die Männer kontrollierten alles. Sie entschieden, auf welcher Uni die Frau studiert, wohin sie reisen darf, wen sie heiraten soll.

ZEIT ONLINE: Und das hat sich seit 2011 geändert?

Yasmine Merei: Ja, aber es ist noch ein langer Weg. Damit sich mehr Frauen in einflussreiche Ämter wagen, müssen wir sie vorbereiten. Darum schreiben wir zu Themen wie Wirtschaft oder Menschenrechten. Wir übersetzen Essays zu Frauenthemen aus dem Englischen oder Französischen. Wir schreiben über Syrerinnen auf der ganzen Welt, die sich in der Politik engagieren oder Preise gewinnen. Das soll die Frauen in Syrien motivieren. Sie fühlen sich davon sehr angesprochen. Oft kommen Frauen in unsere Redaktionen und bringen die gelesenen Magazine zurück – um anderen Frauen die Chance zu geben, ebenfalls die Artikel zu lesen. Viele bedanken sich bei uns. Es gibt ein neues Bewusstsein. Ohne die Revolution hätten wir so ein Magazin nie starten können.

ZEIT ONLINE: Jetzt im Krieg denken aber wohl die wenigsten Frauen über Gleichberechtigung nach.

Yasmine Merei: Das stimmt. Sie stehen seit Jahren unter ständiger Bombardierung und versuchen vor allem zu überleben. Genau deshalb ist es aber wichtig, über sie zu sprechen. Viele Frauen erleben massive Gewalt. Sie wurden vergewaltigt, von der Armee, in den Folterkellern des Regimes. Sie verlieren ihre Männer und Söhne. Das macht ihr Leben in Syrien aber auch in den Flüchtlingscamps sehr hart. Viele sprechen nicht über ihr Leid.

In Syrien wird die Zeitschrift heimlich verteilt

ZEIT ONLINE: Sie koordinieren die redaktionelle Arbeit derzeit von Berlin aus. Ihre Autorinnen kommen aus den Nachbarländern Syriens, einige berichten aber auch noch aus Syrien. Wie geht das?

Yasmine Merei: Wir haben sieben Büros in ganz Syrien. Die Frauen arbeiten dort jeden Tag etwa fünf Stunden. Meistens gehen sie bei Anbruch der Dämmerung in die Redaktion, weil das sicherer ist. Ich gebe einige Geschichten in Auftrag, manchmal bieten sie von sich aus Themen an. Sie interviewen viele Frauen, meistens im Büro. Straßenumfragen sind zu gefährlich.

ZEIT ONLINE: Wie riskant ist es für Ihre Kolleginnen?

Yamine Merei: Sehr riskant. Wir haben eine große Verantwortung für sie. In jedem Büro gibt es einen Mann, der die Frauen beschützt. Assads Armee, aber auch viele radikale islamistische Gruppen sehen es nicht gern, wenn Frauen ein Büro managen. Die Männer helfen den Frauen auch, die Magazine kostenlos auszugeben. Sie werden heimlich verteilt, manche Frauen holen sie auch in der Redaktion ab. In der Nähe von Homs, wo Assad die Kontrolle hat, betreiben wir ein geheimes Büro.

ZEIT ONLINE: Warum geheim?

Yasmine Merei: Unser Magazin passt dem Assad-Regime nicht. Wir waren alle während der Revolution aktiv, unsere Namen sind bekannt. Meine Kollegen sind in ständiger Gefahr, von den Sicherheitskräften verhaftet zu werden. Für uns ist es besser, in den befreiten Gebieten zu arbeiten, also dort, wo die Opposition die Macht hat. Allerdings gibt es auch da radikale Gruppen, denen unsere Artikel missfallen. Einige Anhänger von Al-Nusra schüchtern unsere Kollegen immer wieder ein. Um sie zu schützen, veröffentlichen wir manchmal Texte nur online und nicht im Magazin. Unsere Themen haben alle mehr oder weniger mit dem Islam zu tun. Das macht sie so brisant.

ZEIT ONLINE: Gibt es konkrete Drohungen gegen ihre Kollegen?

Yasmine Merei: Wir hatten 2014 eine landesweite Kampagne gegen frühe Zwangsheirat. Wir nannten sie "Kind, nicht Ehefrau". Unser Kollege in Aleppo war gerade dabei, die Broschüren auszudrucken, als plötzlich Kämpfer von Al-Nusra vor ihm standen.  Sie sagten: "Diesmal warnen wir dich. Nächstes Mal bringen wir dich um." Dann zerrissen sie die Broschüren. Sie sagten, der Islam erlaube es, Mädchen im Kindesalter zu verheiraten. Ich bin Muslimin, aber das hat mit meiner Religion nichts zu tun. Sie haben die Waffen und damit die Macht. Das nutzen sie aus. 

ZEIT ONLINE: Sie schreiben auch über die Frauen, die außerhalb Syriens in Lagern leben oder auf der Flucht sind.

Yasmine Merei: Ja. In den Camps ist es schlimm. Viele Frauen sind ohne ihre Männer gekommen, weil diese tot, in Haft oder noch als Kämpfer in Syrien sind. Vor allem in Jordanien und Libanon ist die Lage desaströs, dort leben alle auf engstem Raum. Sehr viele Mädchen gehen nicht mehr zur Schule. Viele heiraten noch als Kinder, in der Hoffnung, durch den Mann abgesichert zu sein. Ein Trugschluss.

ZEIT ONLINE: Warum?

Yasmine Merei: Viele Familienväter leben plötzlich mit ihren fünf Kindern in einem kleinen Zelt. Sie hoffen, ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen, wenn sie sie jung verheiraten. Die Folgen sind für die Kinder verheerend. Genauso wie die vielen Abtreibungen. Etliche Frauen wurden vom syrischen Militär vergewaltigt. Doch in unserer Gesellschaft gelten Frauen, die vergewaltigt wurden, als Schande für die Familie. Sie können dafür von ihren männlichen Familienmitgliedern umgebracht werden. Also treiben diese junge Frauen, oft noch Mädchen, ihre Babys ab. Sie tun das heimlich in den Camps, mit starken Medikamenten, ohne psychologischen Beistand. Die meisten sprechen nicht darüber, weil sie sich schämen.