Alt und Jung sind kaum noch zu unterscheiden.

Plötzlich war die Jugend weg. Verschwunden zwischen Fragen und Zahlenkolonnen. Nicht mehr zu unterscheiden von Rentnern oder Babyboomern. Nicht beim Sex, mit dem die Alten ebenso entspannt umgehen. Nicht bei Drogen und Alkohol, die von den Jungen ebenso abgelehnt werden wie von den Alten.

Konnte das sein? Die Verfasser der großen ZEIT-Vermächtnis-Studie prüften die Daten noch einmal. Mehr als 3.000 Deutsche, mehr als 100 Fragen. Wenn die Studie eine Aussage trifft, ist sie repräsentativ, ein Abbild der Wirklichkeit in diesem Land. 

Die Studie will nicht nur herausfinden, was den Deutschen wichtig ist, sondern auch, welche Werte sie künftigen Generationen weitergeben wollen und welche Zukunft sie erwarten. Die Erkenntnisse betreffen alle Bereiche des Lebens, von Arbeit über Liebe und Familie. Zum Thema Generationen gibt es drei Ergebnisse der Vermächtnis-Studie, die unsere Debatte darüber verändern werden.

Die Jugend ist verschwunden

Früher probierten sich die Jungen aus, gingen Wege, die mal zum Ziel, mal in die Irre führten, nie aber die Wege der Erwachsenen waren. Sex, Drugs and Rock 'n' Roll. Die Alten schauten skeptisch zu. Bisher. Zumindest, was Sex und Drogen angeht, haben sich die Grenzen zwischen den Generationen aufgelöst. Drogen zu nehmen, um die Wirklichkeit mal hinter sich zu lassen, empfehlen weder die Jungen noch Alten.

Fehlende Prozentpunkte bis 100%: keine Angabe/weiß nicht

12 Prozent der 18- bis 35-Jährigen empfehlen zukünftigen Generationen den gelegentlichen Rausch, 55 Prozent lehnen ihn ab. Bei den über 66-Jährigen würden 14 Prozent den Menschen in Zukunft raten, sich hin und wieder mit Drogen zu entspannen.

Auch Veränderungen waren einst eine Domäne der Jugend. Wer wenig zu verlieren hat, kann viel wagen. Doch die Antworten in der Vermächtnis-Studie zeigen, dass die Jungen nicht wagemutiger sind als die Alten. Sollte es den Menschen zukünftig wichtig sein, etwas Neues zu beginnen?, fragten die Forscher. 70 Prozent der Alten bejahten das, aber nur 64 Prozent der 18- bis 35-Jährigen.

Gemeinsame Mahlzeiten schätzen alle Generationen. 83 Prozent der 18-bis 35-Jährigen finden sie wichtig, ebenso wie 89 Prozent der Rentnergeneration. Abgelehnt wird das Ritual übrigens in beiden Gruppen von niemandem.

Die Generation Y ist nur ein Mythos

Kuscheln statt rebellieren. Das klingt nach der Generation Y, die als angepasst und anspruchsvoll gilt. Angepasst, weil sie sich einer Übermacht von Krisen und Alten gegenübersieht. Anspruchsvoll, weil die auch Millennials Genannten durch ihre geringe Zahl zwischen Jobangeboten auswählen können. Es ist eine Sicht auf die Jugend, die seit Jahren in Leitartikeln und Büchern verbreitet wird. Die Ergebnisse der Vermächtnis-Studie stützen diese Sicht nicht. Im Gegenteil.

Als charakteristisch für die Ypsiloner wird immer wieder ihre Einstellung zur Arbeitswelt hervorgehoben. Flexible Arbeitszeiten wollen sie angeblich haben, um selbst zu bestimmen, wo und wann sie arbeiten. Davon findet sich in der Vermächtnis-Studie nichts. Gefragt, ob sie den Menschen in Zukunft empfehlen würden, eine Arbeit mit festen Arbeitszeiten zu haben, antworteten 58 Prozent der 18- bis 35-Jährigen mit Ja. Ein niedriger Wert? Nein. Auch 62 Prozent der über 66-Jährigen sind dieser Ansicht.

Ein weiterer Grund für den Wunsch der Jungen nach einer besseren Work-Life-Balance ist nach landläufigen Erzählungen, dass sie sich mehr um die Familie kümmern wollen. Dies gilt auch für die Männer, die als neue Väter gefeiert werden. Die Zahlen der Vermächtnis-Studie jedoch belegen dieses größere Engagement nicht.

Zwar bejahten 72 Prozent der Ypsiloner die Frage, ob es Paaren mit Kindern in Zukunft wichtig sein sollte, sich zu gleichen Teilen um Erwerbstätigkeit, Haushalt und Kinder zu kümmern. Gleichzeitig aber waren 77 Prozent der Befragten zwischen 51 und 65 dieser Meinung und 75 Prozent der Rentnergeneration.

Auch die Beschreibung der Ypsiloner als bewusste Konsumenten, die durch ihr Kaufverhalten Politik betreiben, lässt sich nicht halten. "Wie sehr achten Sie darauf, wo und wie die Nahrungsmittel, die Sie konsumieren, hergestellt wurden?", wollte die Vermächtnis-Studie wissen. 59 Prozent der Alten achten darauf, aber überraschenderweise nur 31 Prozent der 18- bis 35-Jährigen.

Tatsächlich ist das Einzige, was an der Legende von der Generation Y zu stimmen scheint, dass sie unpolitisch ist. Während es 74 Prozent der Rentnergeneration wichtig finden, über Politik und Kultur informiert zu sein, ist es bei den 18- bis 35-Jährigen nur die Hälfte. Überhaupt schwindet das Interesse an Politik und Kultur in allen Altersgruppen unter 66 Jahren. Anders ausgedrückt: Die Errungenschaften der 68er sind verloren.

Was ist der Grund für die generationslose Gesellschaft? Und was macht es mit diesem Land, wenn die Jungen alt sind?

Um diese Fragen zu beantworten, muss man verstehen, was die Vermächtnis-Studie von anderen Untersuchungen unterscheidet. Normalerweise fragen Studien über die Generation Y weder nach den Einstellungen der Älteren noch nach den Werten, die die Jungen in die Zukunft mitnehmen würden. Patricia Wratil, die für das Wissenschaftszentrum Berlin die Studie betreut, sagt: "Dadurch kann es leicht zu Fehlinterpretationen kommen. Man meint, die Einstellungen würden sich ein Leben lang nicht ändern und das Gesicht einer neuen Gesellschaft prägen." Das aber berücksichtige nicht die großen Unterschiede in Bildung, Einkommen und Freundeskreisen.

Deutsche unterscheiden sich nicht nach ihrem Alter

Dies ist die dritte Erkenntnis der Vermächtnis-Studie: Die Deutschen unterscheiden sich nicht nach Alter. Sondern nach Bildung, Einkommen und Freundeskreis.

Es ist nicht das Alter, das einen Hinweis darauf gibt, ob einem Menschen in diesem Land feste Arbeitszeiten wichtig sind oder nicht. Es ist die Bildung. Je höher diese ist, desto unwichtiger werden feste Arbeitszeiten. Nur 42 Prozent der Uni-Absolventen legen Wert darauf und gerade mal 31 Prozent würden sie nachfolgenden Generationen empfehlen. Ganz anders die Situation bei Menschen, die als bildungsarm gelten. Das sind jene, die keinen Schulabschluss haben oder nur einen Haupt- oder Realschulabschluss ohne berufliche Bildung. Bei ihnen sind die Zahlen mit jeweils 69 Prozent fast doppelt so hoch.

Wenig überraschend ist, dass die Höhergebildeten sich auch eher über Politik und Kultur informieren. 83 Prozent der Akademiker finden es wichtig, informiert zu sein. Bei den weniger Gebildeten sind es nur 47 Prozent. Bei der Empfehlung an künftige Generationen liegen die Zahlen näher beieinander, aber immer noch deutlich voneinander entfernt.

Wenn es um den Freundeskreis geht, entscheidet dessen Unterschiedlichkeit über die Einstellungen der Befragten. Unterschiedlichkeit wird gemessen an Alter, Nationalität, Einkommen und sexueller Orientierung der Freunde. Deren Einfluss sieht man etwa bei der Frage nach der Wichtigkeit, etwas Neues zu beginnen. 56 Prozent der Menschen mit unterschiedlichem Freundeskreis ist das wichtig, aber lediglich 40 Prozent der Menschen mit gleichförmigem Umfeld. Wenn es darum geht, was man den Nachgeborenen wünscht, fällt das Verhältnis 73 zu 61 aus.

Mehr zum Wandel der Gesellschaft und den Ergebnissen der großen ZEIT-Studie lesen Sie in der ZEIT-Ausgabe Nr. 11 vom 3.3.2016.

Das Muster zieht sich durch die Fragen der Studie. Menschen, die besser gebildet sind, mehr verdienen und einen bunten Freundeskreis haben, können ihre Vorstellungen leben. Egal ob sie alt oder jung sind. Das bedeutet, dass die Gräben nicht zwischen Jungen und Alten verlaufen, sondern zwischen sozialen Klassen. Sie spalten die Jugend. In Welten, die so wenig miteinander zu tun haben, dass die Jungen nicht mehr stark genug für ein gemeinsames Ziel sind.

Aber ein Land, dessen Jugend schwach ist, verliert seine Zukunft. Denn Jugend ist mehr als Rebellion, sie ist auch Erneuerung. Es wird Zeit für eine ganz neue Debatte über die Generationen.

Studie - Deutsche brechen mit alten Werten Was wollen wir der nächsten Generation vererben, welche Werte sind uns wichtig? Das Wissenschaftszentrum Berlin, Infas und DIE ZEIT haben in Berlin die Ergebnisse ihrer Studie präsentiert.