"Viele Schafe." "Der Bauer und sein Wohnwagen." Wie die anderen Schüler vom Berliner Bertha-von-Suttner-Gymnasium haben die Jugendlichen aus der Willkommensklasse am Vortag einen Ausflug gemacht. W A N D E R T A G schreibt Caspar von Wedel an die Tafel. Die Schüler waren im Kino. Über den Trickfilm Shaun das Schaf haben alle gelacht. Sie haben ihn verstanden, obwohl sie erst seit ein paar Monaten Deutsch lernen. Der Deutschlehrer übt nun mit ihnen die Vokabeln dazu.

Muna war das erste Mal im Kino, sie ist gerade 14 geworden und kommt aus Syrien. Auch für den 16-jährigen Alen wäre Kino eine neue Erfahrung gewesen, doch er saß am Wandertag im Bus nach Bosnien. Der Lehrer erfuhr per WhatsApp von der Abschiebung. Später schreibt Alen ihm noch, das Häuschen der Familie sei geplündert worden. Damit es nicht so wirkt, als sei er nie dagewesen, hängt nun ein Bild von Alen an der Wand des Klassenzimmers. Neben dem von Marat. Der 16-jährige Armenier ist in dieser Märzwoche ebenfalls verschwunden. Keiner weiß wohin.

Zwei von ihnen sind auf einmal fort aus dieser Willkommensklasse, in der auch sonst fast nichts ist wie anderswo im Schulbetrieb. Schon gar nicht an der Bertha, wie Schüler das altsprachliche Gymnasium im Berliner Norden nennen. An der Schule ist man stolz auf Erfolge bei Sprachwettbewerben, die lange Nacht der Mathematik und gleich mehrere Musikensembles.

Aber im Raum 014 im Erdgeschoss lernen die zwölf Schüler seit Herbst erst einmal das Nötigste. Sie waren zum Start der Willkommensklasse zwischen zwölf und 17 Jahre alt. In Berlin gibt es mehr als 300 solcher Klassen. Sie bekommen intensiven Deutschunterricht und nebenbei einen Grundkurs in Wissen und Werten. Bis zu einem Jahr sollen die Neuen hier lernen und dann fit sein für normale Klassen an einer Schule in der Umgebung oder für eine Lehre. Hoffentlich. Zwei der Schüler dürfen aber vielleicht am Gymnasium bleiben. 

Einzelne Schüler im Raum 014 sind als Flüchtlinge gekommen, andere, weil ihre Eltern eine Chance suchen. Zwei Jugendliche vom Balkan sind noch hier und loben Deutschland überschwänglich. Sejla, 13, aus Montenegro, hofft, durch Wohlverhalten aufzuwiegen, dass sie aus einem "sicheren Herkunftsland" stammt. Auch der 14-jährige Manuel aus Serbien hat immer wieder Hoffnung, nicht abgeschoben zu werden. Mit seinem Trikot des FC Barcelona ist er oft auf dem Fußballplatz der Schule, grüßt jeden per Handschlag. Der Roma-Junge kämpft, ihm fällt das Lernen schwer.

"Bitte sprecht Deutsch"

Mancher hier hat vorher selten eine Schule besucht, andere leiden unter ihren Erinnerungen und der Enge im Flüchtlingsheim. Einzelne spüren den Druck der Familie, schnell Verantwortung zu übernehmen. Die Pubertät macht es nicht leichter. Die Lehrerin Renate Koch schätzt, dass etwa jeder zweite in der Klasse seine Lebensgeschichte nicht ganz korrekt wiedergibt. Besonders die, die als Flüchtlinge kommen, halten an ihrer Erzählung fest, um ihre Chance auf Deutschland nicht zu gefährden. "Ich mische mich da nicht ein", hat sie entschieden. "Jemand anderes muss beurteilen, wer ein Recht hat, hier zu sein."

Zwei gestandene Pädagogen betreuen die Jugendlichen: Der 66-jährige Caspar von Wedel, der aus dem Ruhestand zurückkehrte, und die 59-jährige Renate Koch, Lehrerin für Religion und Deutsch und praktischerweise auch die Konfliktschlichterin der Schule. Koch ist eine resolute und gleichzeitig herzliche Frau. Jeden Morgen begrüßt sie ihre Schüler mit Handschlag und wartet, bis jeder zurückgrüßt und ihr in die Augen blickt. "Bitte sprecht Deutsch", ermahnt sie, oder: "Ich ertrage es schlecht, wenn mich jemand wie Dienstpersonal behandelt." Denn manche Schüler schnippen mit den Fingern, wenn sie etwas wollen oder rufen: "Miss, Miss". "Ich heiße Frau Koch." Sie wiederholt es zur Not fünfmal.

Wie ihre Schüler starteten auch die Lehrer unvorbereitet. Sie unterrichten zum ersten Mal Deutsch als Fremdsprache – und zwar sowohl für den Schüler, dem Grammatik gar nicht in den Kopf geht, als auch für das ehrgeizige Mädchen, das am Gymnasium bleiben will. Koch und von Wedel bereiten für jeden einen eigenen Lernplan vor. Meist üben alle im eigenen Tempo, einmal am Tag, aber gemeinsam. Guten Morgen, guten Tag, guten Abend. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das ABC samt Ä, Ö und Ü. Deutsch im gleichen Rhythmus. Im Februar haben sie auch über den Karneval gesprochen, dieses wunderliche Ereignis mit Pappnase und Party.

Morgens um acht sind meist nur zwei Drittel der Schüler im Klassenraum, der Rest trudelt später ein oder fehlt. Manche bringen eine Entschuldigung, andere zeigen einen 50-Euro-Schein vor, den sie mit ein paar Tagen Schneeschippen verdient haben. Im täglichen Ausnahmezustand hilft den Lehrern beides: Autorität und gelockerte Regeln. Die Neulinge dürfen Handys benutzen, die sonst in der Schule verboten sind. Sie schauen online Vokabeln nach, in unbemerkten Momenten chatten sie. Koch hat etwa 120 Kugelschreiber ausgegeben, schätzt sie mit Blick in die Kiste mit den orangefarbenen Werbestiften. "Wir haben wohl ein ganzes Flüchtlingsheim ausgestattet." Lehrmaterial, das nicht verschwinden darf, behält sie lieber auf ihrem Pult.