ZEIT ONLINE: Frau Kaddor, Gruppen wie Pegida, die AfD, aber auch radikale Extremisten haben dem Ansehen der Muslime in Deutschland geschadet. Wird die Diskussion über den Islam unsachlicher?

Lamya Kaddor: Die Debatte über den Islam wird seit mehr als zehn Jahren sehr unsachlich geführt. Vor allem seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden Vorurteile gegenüber Muslimen zelebriert. Auch in Deutschland traten nur kurz darauf die sogenannten Islamkritiker auf. Sie wollten nicht kritisieren im eigentlichen Sinn, sondern sie wollten mit kruden Thesen und schrillen Tönen in der Öffentlichkeit Stimmung machen. Die Folge davon ist, dass es heute in den Debatten sehr viel um Emotionen, sehr wenig um Inhalte geht.

ZEIT ONLINE: Wie jetzt beim Thema Flüchtlinge.

Kaddor: Allerdings. Dabei ist die Hysterie sehr weit hergeholt. In Deutschland leben 82 Millionen Menschen, davon sind 4,5 Millionen Muslime. Jetzt kommen etwa eine Million Flüchtlinge dazu. Wir werden nicht islamisiert. Und die meisten Menschen bekommen in ihrem Alltag nicht mal Flüchtlinge zu Gesicht, wenn sie nicht gerade neben einer Unterkunft wohnen. Trotzdem scheint für viele klar, dass es alles Muslime sind und alle Probleme machen. Ich beobachte seit Jahren eine zunehmende Islamfeindlichkeit in allen gesellschaftlichen Schichten.

Lamya Kaddor, 1978 als Tochter syrischer Einwanderer in Westfalen geboren, ist Islamwissenschaftlerin und Autorin. Kaddor ist eine Pionierin der islamischen Religionspädagogik in Deutschland. Sie ist erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, der für eine zeitgemäße Auslegung religiöser Schriften wie des Koran und für Geschlechtergerechtigkeit wirbt. Für ihre Bemühungen um einen interreligiösen Dialog und einen liberalen Islam wurde Kaddor mehrfach ausgezeichnet, 2011 erhielt sie von der Bundesregierung die Integrationsmedaille. © Dominik Asbach

ZEIT ONLINE: Worin liegt da für Sie die größte Gefahr?

Kaddor: Das Ausmaß des Hasses wird immer drastischer. Mittlerweile scheinen Hassmails und Morddrohungen fast normal zu sein – die Leute unterschreiben inzwischen sogar mit ihren echten Namen. In Hessen schrieb jüngst eine Gruppe "Deutscher Christen" an hessische Kommunalpolitiker, wenn diese weiterhin eine angeblich islamfreundliche Politik verfolgten, würden Menschen sterben.

Das große Problem ist: Islamfeindlichkeit wird in Deutschland von einigen nach wie vor tabuisiert. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus geht vielen leichter von den Lippen als Islamfeindlichkeit. Dabei belegen nahezu alle Studien, dass etwa zwei Drittel der Deutschen problematische Positionen bezüglich Islam und Muslimen vertreten. Und trotzdem diskutieren wir zu wenig darüber.

ZEIT ONLINE: Im Gegensatz zum Antisemitismus?

Kaddor: Der Umgang mit dem Antisemitismus in Deutschland hat natürlich eine ganz andere Geschichte. Deutschland hat zu Recht die Aufgabe, Verantwortung für die Folgen der Shoa zu tragen. Doch wenn ich diesen Hass heute sehe, kommen mir bisweilen Zweifel, ob wir wirklich so viel aus diesen Erfahrungen gelernt haben. Dafür steht beispielhaft die Islamfeindlichkeit. Also: Wenn man sich als Land eingestehen würde, dass nun wieder eine Minderheit denunziert wird, würde das natürlich der Außenwirkung schaden.

ZEIT ONLINE: Und deshalb verschweigen Politik und Medien das Problem lieber?

Kaddor: Ich würde nicht sagen, dass sie es bewusst verschweigen. Aber einige wollen es lieber nicht thematisieren. Es gibt generell einen Rechtsruck in Europa, da ist Deutschland keine Ausnahme. Vor der Stimmungsmache dieser oft aggressiv auftretenden Leute haben manche Angst, sie lassen sich davon treiben. Zudem gibt es unter Politikern und Journalisten auch Sympathisanten. In Europa und Amerika gehört es für einzelne zum guten Ton, islamfeindliche Parolen zu verbreiten. Ich erwarte von einer aufgeklärten Gesellschaft, dass sie sich damit befasst. Ich möchte nicht ständig bedroht und angefeindet werden, nur weil ich muslimischen Glaubens bin.

ZEIT ONLINE:
Was bekommen Sie für Nachrichten?

Kaddor: Mich erreichen jeden Tag hasserfüllte Schreiben und E-Mails. Darin steht etwa, dass ich einer "Kinderficker-Sekte" angehöre, dass ich wieder nach Arabien zurückgehen solle, um da meine "Scheiß-Religion" auszuleben. Entschuldigen Sie die Wortwahl, aber das äußern die Leute so. Dass Deutschland nicht meine Heimat sei, weil der Islam hier nicht hingehöre. Dass so etwas aufhört, ist auch Aufgabe der Politik.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Kaddor:
Sie muss sich ganz klar zur Islamfeindlichkeit positionieren. Es muss klar sein, dass in Deutschland weder Antisemitismus, Islamfeindlichkeit noch andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Platz haben. Parteienvertreter dürfen mit so etwas keinen Wählerfang betreiben. Das ist brandgefährlich. Warum wird immer wieder ein großes bundesweites Burka-Verbot ins Gespräch gebracht, obwohl es nachweislich nur ganz wenige Frauen betrifft? Oder warum kündigt die AfD an, sich demnächst gründlich mit dem Islam zu befassen? Da ist schon jetzt klar, welche Schlagwörter da fallen werden: Beschneidung, Kopftuch, Moschee-Bau, Minarett-Bau.

Nicht nur, dass uns diese Debatten nicht voranbringen. Sie bringen Muslime wie mich, die seit Jahrzehnten voll integriert sind und sich als Deutsche sehen, in Gefahr, weil sie die Ressentiments befeuern.

ZEIT ONLINE: Islamfeindlichkeit ist nicht neu in Europa.

Kaddor: Nein, keinesfalls. Es gibt eine Geschichte der Islamfeindlichkeit in Europa. Das begann mit den Kreuzzügen, die zum Ziel hatten, die "Barbaren" zu vertreiben oder zu christianisieren. Als Europa noch im dunkelsten Mittelalter feststeckte, befand sich die arabische Welt gerade in der Hochblüte. Die damalige Überlegenheit der islamischen Welt, die wirtschaftliche Macht des Orients war für die Menschen im Okzident einerseits faszinierend, andererseits bedrohlich. Es herrschte die Furcht, erobert zu werden.

Es wurden früh Bilder inszeniert, in denen der Orient vor allem als fremd und feindlich dargestellt wurde, wie bei der Belagerung der Türken vor Wien. Martin Luther beförderte den Druck des Koran, um ihn verteilen zu lassen – mit dem Hinweis, dass alle ihn lesen sollten, um zu verstehen, wie böse dieser Glaube sei.